uräus-Handpresse

"Bereits der Titel seines jüngst erschienenen Lyrikbandes »Gewolltes Blauauge«, der wohl meint, dass der Autor, oder sein lyrisches Ich, blauen Augen nicht aus dem Weg geht, da er lieber ehrlich mit blauem Auge als verlogen in weisser Weste leben will, lässt Grundmotive von Hans-Ulrich Prautzsch anklingen: das Desperadothema, sein erster Erzählband hieß »Fünf Desperados und eine Rothaarige«, samt seiner "Solidarität der Solitäre", eine Sympathie für Aussenseiter, Verweigerer, Gescheiterte, und ein Kämpfernaturell, das sich aus solcher Erfahrungswelt entwickelt und zum Überleben nötig ist. Mit dem Kämpferischen im Autor, der auch Verleger und Buchdrucker ist, korrespondiert der Name seiner "uräus-Handpresse". Die altägyptische Uräus-Schlange gilt als äusserst wehrhaftes Wesen. Und das Wort Uräus wird übersetzt mit: die sich Aufbäumende.
Wer keinen künstlerischen Trends folgt, kann Nebenflüsse schaffen, Mäanderströme der Kultur. Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni versuchen in ihrem Künstlerbuch die Erlösung von Erfahrungswelten durch virtuelle Neukomposition. Die Gedichte nehmen Strukturen und Ausdrucksweisen moderner Medien und Kommunikationstechniken auf und transformieren sie mit aufklärerischem Anspruch, indem sie öffentliche Sprache spielerisch virtuos verwenden und zugleich kritisch reflexiv ihren Funktionswert hinterfragen. Die Texte selbst nähern sich grafischen Formen. "Ein Strich in der Landschaft", lehrt uns der Volksmund, sei ein dünner Mensch. Tritt man etwas weiter zurück, wird aus dem Strich eine Linie und der Betrachter sieht sich vor die Fragen gestellt: Wo endet die Schrift, wo beginnt die Zeichnung, wo geht sie ins Zeichen über, das übers Sichtbare hinausweist? Die expressive Farbigkeit von Haimo Hieronymus, die man als vital bis aggressiv empfinden kann, korrespondiert mit dem Stachel der Analyse in Weigonis Texten wie umgekehrt die relativierende Denkhaltung derselben mit den ambivalenten Bedeutungen der Farben Schwarz, Rot und Weiß, die zusammenwirken, während sie Kontraste bilden. Der Ernst paart sich indes mit Leichtigkeit. Praktisch alle Techniken dieses Buches, die aphoristische Struktur, der gestische Duktus, die ironischen Untertöne, die Unterwanderung vorgeprägter Sprache, die umgedeuteten Sprichwörter, die filmischen Momentaufnahmen, dienen einem reflexiv vom Intellekt gelenkten und dabei häufig parodistischen Spiel.
Indem Weigoni Postulaten, die ihm abstrakt erscheinen, ob Mythen, Moralvorgaben oder Utopien, mißtraut, doch zugleich den Mangel an ideell Gelebtem in vorgefundener Wirklichkeit konstatiert, verweist er auf ein Grundproblem postmoderner Intellektualität. Sarkasmus und Ironie sind so auch ein Refugium gegen totale Ernüchterung, obwohl, oder weil, manche Stellen dem kaltgenauen Blick Heiner Müllers oder Ernst Jüngers allerdings schon nahekommen."
Holger Benkel

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Kurzporträt: Der Verlag uräus-Handpresse
Während Prof. Willi Sitte Weinbergslagen vor der Verdatschung rettete, rettete den anderen vor dem heute epidemisch auftretenden Existenzruin eine Datsche im Weinberg. Hans-Ulrich Prautzsch, der extraktreiche Künstlerbücher keltert, kann nun bald seinen eigenen Wein keltern. Auf dem "Hintergrund des Verlagssterbens. in den neuen Ländern" verlor der Schriftsteller seine Verleger. Er "verbesserte" sich zum eigenen Setzer, Drucker, Gestalter und Verleger von Künstlerbüchern. Hans-Ulrich Prautzsch gründete 1991 in Halle die uräus-Handpresse. Schicksalhaft dankt er den Namen seiner Handpresse dem Naumburger Karl Richard Lepsius, dessen Vater übrigens einen Weinberg im Naumburger Steinmeister besaß, und die wissenschaftliche Ägyptologie begründete. Aus Lepsius »Das Totenbuch der Ägypter« (1842) erfahren wir, dass die grüne Schlangengöttin Wadjit (griech. Uto) als Sonnenauge des Allgottes Re, die Uräusschlange als Insignie trug. Aus ihr ging die Papyrosstudie hervor. Die schöne Göttin gilt damit als Urheberin des Schreibmaterials. Wie Lepsius ab 1872 die Bücher der königlichen Bibliothek hütete, so bringt sie heute Prautzsch im Höhnstedter Kelterberg unter dem Zeichen der Uräus hervor.
Prof. Dr. hab. Karl-Dieter Gussek

uräus-Handpresse
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