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Programm / Literatur im Künstlerhaus / 10/09


Donnerstag, 08.10.2009, 19.00 Uhr // Literaturetage im Künstlerhaus

Lyrik im Künstlerhaus 2009: Gegenstrophen
mit Daniel Falb, Gerhard Falkner, Ulrike Almut Sandig, Anja Utler, Bas Böttcher, Timo Brunke und Stephan Meier (Musik)

Moderation: Michael Braun, Cornelia Jentzsch, Martin Rector

Der Ton macht die Musik – und das Gedicht?
"Laut gelesen treten einzelne Wörter hervor wie angestrahlt", sagt eine Rezensentin über Daniel Falbs hochkonzentrierte Poesie. Gerhard Falkner, Peter-Huchel-Preisträger 2009, nimmt sich in seinem aktuellen Lyrikband Hölderlins Gesänge vor. Ulrike Almut Sandig ist in Leipzig beteiligt am Projekt ohren::post und setzt damit das in der jungen literarischen Szene immer häufigere Konzept des "Lesekonzerts" um: einen dritten Weg zwischen Lesung und Konzert, der Gedichte mit akustischen Elementen und Musik verbindet. Und die lyrischen Texte von Anja Utler, die bei der Lesung zugleich mit Stimmen von der CD arbeitet, oder von den Pionieren der Spoken Word-Bewegung, Bas Böttcher und Timo Brunke, sind ohne ihre akustische Live-Darbietung ohnehin nicht denkbar, sondern explizit dafür gemacht.

Dass Lyrik ("die zum Spiel der Lyra gehörende Dichtung") dem hörbaren, musikalischen Klang und dessen Beschwörungen nah ist (und vielleicht zur Zeit noch näher rückt), ist nicht allzu erstaunlich und immerhin ein Bindeglied zwischen den prägnanten, eigenständigen und durchaus unterschiedlichen Stimmen der aktuellen deutschsprachigen Gegenwartslyrik, die wir auf unserem diesjährigen Lyrikfest präsentieren. Nachdem im September letzten Jahres erstmals der Hölty-Preis für Lyrik vergeben und in diesem Rahmen auch das erste Lyrikfest im Künstlerhaus gefeiert wurde, möchten wir die Tradition eines solchen Poesie-Ereignisses nun alljährlich im Herbst fortsetzen.
Das diesjährige polyphone Programm mit kurzen Lesungen von Gerhard Falkner, Ulrike Almut Sandig, Daniel Falb und Anja Utler und mit einer Poesie-Performance von Bas Böttcher und Timo Brunke wird abgerundet durch ein musikalisches Intermezzo von Stephan Meier, der eigenen Werke aufführt.

Anja Utler, geb. 1973 in Schwandorf/Oberpfalz, studierte Slawistik, Anglistik und Sprecherziehung und promovierte 2003 über die Bedeutung der Kategorie Geschlecht im Werk von vier russischen Lyrikerinnen. Sie begann ihr literarisches Schreiben mit Prosa, wechselte dann zur Lyrik und hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht: "aufsagen" 1999, "münden – entzüngeln" 2004, "brinnen" 2006 und zuletzt "jana, vermacht" 2009. Utler war mit dem 2005 verstorbenen Lyriker Thomas Kling befreundet. Sie lebt als freie Autorin in Wien und wurde mehrfach ausgezeichnet (u.a. Leonce-und-Lena-Preis 2003). Utlers Lyrik orientiert sich am Akustischen, an der Stimme und dem Sprechen, dementsprechend misst die Autorin auch dem mündlichen Vortrag ihrer Texte große Bedeutung bei. In ihren polyphonen Radiowerken – mit Zuspielungen von Parallel- und Gegenstimmen, Verdoppelung und Widerrede – hat sie auf diese Weise zu neuen Ausdrucksweisen gefunden. Auch in "jana, vermacht" fällt sich Utlers Stimme selbst ins Wort, stottert und bleibt in der Kehle stecken. Ihre Lesung ist eine Performance, die CD- und Live-Stimme miteinander verbindet.

Gerhard Falkner, geb. 1951 in Schwabach, gehört zu den bedeutenden Dichtern der Gegenwart. Er veröffentlichte seit Mitte der 70er Jahre zahlreiche Lyrikbände, Theaterstücke und Anthologien. 1981 debütierte er mit dem Gedichtband "so beginnen am körper die tage", es folgten "wemut" (1989), "X-te Person Einzahl" (1996), "Endogene Gedichte" (2000) und "Gegensprechstadt - ground zero" (2005). Sein Werk wurde u.a. mit dem Schillerpreis 2004 und dem Kranichsteiner Literaturpreis 2008 ausgezeichnet. Für seinen zuletzt erschienenen Gedichtband "Hölderlin Reparatur" (2008) erhielt er in diesem Jahr den hoch dotierten Peter-Huchel-Preis.
Im Gravitationsfeld von Hölderlins Gedichten erprobt Falkner in "Hölderlin Reparatur" die Möglichkeiten heutigen lyrischen Sprechens, auch in Kollision mit Umgangs-, Werbe- und Wissenschaftssprachen. Dabei arbeitet er seine Lyrik virtuos ein in ein Netz schier unendlicher Verweise und Verknüpfungen mit anderen Texten, Dichtern und Theorien: Lyrik als Konzeptkunst, die am Ende – so die Jury des Peter-Huchel-Preises – in der Auseinandersetzung mit Hölderlin und anderen Traditionsstiftern Schönheit und Pathos mit ironischen Mitteln rehabilitiere.
Nach Aufenthalten unter anderem in London, New York, Mexiko, Amsterdam und Rom lebt Falkner heute als Lyriker, Dramatiker, Essayist und literarischer Übersetzer in Weigendorf und Berlin.

Ulrike Almut Sandig, geb. 1979 in Großenhain/ Sachsen, lebt seit 1998 in Leipzig. Sie studierte Religionswissenschaft und moderne Indologie, unternahm Sprachreisen nach Indien und nahm 2004 ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig auf. Im selben Jahr erschien ihr erster Gedichtband "Zunder", 2007 der Folgeband "streumen". Sie veröffentlicht Lyrik, Prosa, Hörspiele und ist Redakteurin der Literaturzeitschrift EDIT. Mit Marlen Pelny gründete Sandig die Literatursache augen::post, wofür sie leipzig-weit Plakate mit Gedichten klebte, und setzt mit der ohren::post das Konzept von "Lesekonzerten" um, die den Vortrag von Gedichten mit akustischen Elementen und Musik versetzen. In einem Interview mit jetzt.de erklärte die Autorin zu ihrem Lyrikband "Zunder": "Wenn etwas erst brennt, ist es im gleichen Atemzug schon wieder zerstört, das ist der poetische Tauschhandel. In Zunder habe ich genau das versucht: den zündenden Moment zu treffen." In diesem Sinne erkennt auch die Kritik in Sandigs Texten eine besondere Fähigkeit, Erkenntnis und Infragestellung eins werden zu lassen, durch Worte aufgebaute Gewissheiten gleich wieder in Frage zu stellen. "(Sandigs Gedichte)... lassen uns hineingleiten in eine Welt der allmählichen Verrü-ckung, des Halbtraums, der Fiktion", befindet Dichterkollegin Ulrike Draesner. Ulrike Almut Sandig erhielt mehrere Literaturpreise, u.a. den Lyrikpreis Meran 2006 (als bisher jüngste Preisträgerin) und den Leonce-und-Lena-Preises 2009.

Daniel Falb, geb. 1977 in Kassel, studierte Philosophie, Politische Wissenschaften und Physik in Berlin und arbeitet seit 2006 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der FU Berlin. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, darunter EDIT und Lyrik von JETZT. 2003 erschien dann sein Debüt "die räumung dieser parks", wofür er den Lyrik-Debüt-Preis des Literarischen Colloquiums Berlin 2005 erhielt. 2006 war Falb Stipendiat des Autoren-Förderungsprogramms der Stiftung Niedersachsen. Nun erscheint sein zweiter Gedichtband, "BANCOR". Klug fokussierte Falb schon in seinem Debüt die Alltagswelten unserer Mediengesellschaft und fand poetische Formulierungen für Party- und Arztbesuche, für Bioethik und innere Sicherheit. Auch in "BANCOR" präsentiert der Autor dichte, feingliedrige Skulpturen des Sozialen und arbeitet an einer Neudefinition des politischen Gedichts als einem genuin ästhetischen Objekt. Seine Lyrik zeigt, wie weltzugewandt experimentelles Schreiben sein kann: "Falb glückt es wie nur wenigen, die Alltagssprache der Spannung des Gedichts auszusetzen, seiner rhythmischen und semantischen Komplexität... Das Erstaunlichste freilich ist: Daniel Falbs Gedichte machen Spaß" (Der Tagesspiegel).

Timo Brunke, geb. 1972 in Stuttgart, studierte Theologie und Schauspiel. Er gilt als Wegbereiter der deutschsprachigen Performance-Poesie, hat mehrere bundesweite Poetry-Slam-Meisterschaften ausgerichtet und leitet am Literaturhaus Stuttgart seit 2003 die Sprachwerkstatt "Wort und Spiele". Brunke tritt – u.a. mit der "Textbox" und anderen Poesie-Programmen – auch als Partner von Bas Böttcher auf. In seinem Performance-Poesie-Programm "All das. All diese Dinge" vereint er klassische Formen wie Ballade und Ode mit dem fortgeschrittenen "Anything goes" des 21.Jahrhunderts zu einer neuen, modernen Form der Rhapsodenkunst.

Bastian ("Bas") Böttcher, geb. 1974 in Bremen, studierte Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität in Weimar und lebt heute in Berlin. Schon seit Anfang der 90er Jahre verschmolz er Rap und Lyrik, brachte Poesie live und rhythmisch auf die Bühne. Als einer der Pioniere und Mitbegründer der Poetry Slam Szene ist Böttcher in wichtigen Lyrik-Anthologien (Der neue Conrady, Jahrbuch der Lyrik u.a.) genauso vertreten wie auf alternativen Lesebühnen und geht als Dichter und Rezitator – u.a. für das Goethe-Institut – weltweit auf Tournee. Zudem gastierte er mit der "Textbox" – einer schalldichten Plexiglas-Kapsel, in der Poeten lesen und von außen über Kopfhörer gehört werden können – auf den Buchmessen in Frankfurt und Peking, im Pariser Centre Pompidou und in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Böttcher veröffentlichte Sammlungen seiner Bühnentexte und einen Roman. Im Zentrum seiner Arbeit steht jedoch das gesprochene Wort, der freie und interaktive Vortrag auf der Bühne, wobei seine Texte eine starke musikalische Qualität entwickeln: ”Diese Art des rhythmischen Vortrags verleiht seinen Stücken erst den ihnen eigentümlichen poetischen Sog” (Die Welt). Reimkunst, Rhythmik und sprachliche Dynamik, Witz und lässig erscheinendes Wortspiel sind wesentliche Elemente von Böttchers Poesie.

Stephan Meier studierte Schlagzeug und Klavier in Hannover und Den Haag. Er tritt nicht nur als Solokünstler oder in Formationen auf, sondern arbeitet auch als Dirigent und Komponist. Seit 1993 ist er künstlerischer Leiter des renommierten Neuen Ensembles.

Michael Braun, geb. 1958, lebt als freier Literaturkritiker in Heidelberg. Herausgeber (mit Hans Thill) der Anthologien "Punktzeit. Deutschsprachige Lyrik der achtziger Jahre" (1987), "Das verlorene Alphabet. Deutschsprachige Lyrik der neunziger Jahre" (1998), "Lied aus reinem Nichts, Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts" (2009); außerdem erschienen "Der zertrümmerte Orpheus. Über Dichtung." (Essays; 2002), "Der gelbe Akrobat. 100 deutsche Gedichte der Gegenwart" (mit Michael Buselmeier, 2009). Michael Braun ist Herausgeber des Deutschlandfunk-Lyrik-Kalenders. Ende September erscheint der "Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010" im Wunderhorn Verlag.

Cornelia Jentzsch, geb. 1958, lebt in Berlin. Freiberufliche Literaturkritikerin. Veröffentlichungen im Rundfunk, in Tageszeitungen und Zeitschriften.

Martin Rector, geb. 1944, seit 1988 Professor für Neuere Deutsche Literatur am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover. Veröffentlichungen v.a. zur Literatur der Aufklärung und des Sturm und Drang, zur sozialistischen Literatur des 19. und 20 Jahrhunderts sowie zur Gegenwartsliteratur. Mitbegründer des Peter-Weiss-Jahrbuchs, Koordinator der "LiteraTour Nord", Vorsitzender der Niedersächsischen Literaturkommission.

Gegenstrophen – Lyrik im Künstlerhaus 2009 wird von der VGH-Stiftung Hannover und von der S-Hannover Stiftung gefördert.

Eintritt: 8,- / erm. 6,- Euro

Weitere Informationen:

Bas Böttcher
Homepage von Bas Böttcher
http://www.basboettcher.de/

Timo Brunke
Homepage von Timo Brunke
http://www.timobrunke.de

Cornelia Jentzsch
http://www.corneliajentzsch.de/

Ulrike Almut Sandig
Homepage von Ulrike Almut Sandig
http://ulrike-almut-sandig.de

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