Programm
Editorial
Wenn der warme Wind das Fell zaust
Immer wenn ich mir eine Weltanschauung zurechtgelegt habe, muss ich sie gleich wieder verwerfen.
Denn schön ist es vielmehr, die Sichtweise so oft wie möglich zu wechseln. Vielleicht auch vorübergehend ein Kaninchen zu sein, vorzugsweise an einem angenehmen Frühlingstag, wenn ein warmer Wind das Fell zaust und alles Raubzeug schon satt ist. Metamorphose nicht als Einbahnstrasse sondern hin und her, wie und wohin man gerade möchte. Ja, natürlich, das lässt sich schlecht mit regelmäßigen Verpflichtungen kombinieren. Es ist ja auch bloss eine Phantasie, ein alter Traum von multipler Existenz und vom Mythos der Gestaltwandlung.
Von Ferne betrachtet brauchen wir das nicht, solange wir fühlen können. Wir sind Teil des Ganzen und es reicht, in die Welt hinaus zu blicken. Von sich weg. Das bekannte buddhistische Rätsel löst, wer im Spiegelkabinett sitzt und auf die Frage, was er sieht antwortet: „Nichts.“ Nicht weil seine Existenz nichtig wäre, nein, weil er einfach da ist und von sich aus nach außen schaut und es da gerade nichts zu sehen gibt.
Die Anschaffung einer Weltanschauung hingegen ist heikel und lässt sich am besten mit der Anschaffung einer Küchenmaschine vergleichen. Man hat alles zum Thema Häckseln, Raffeln und Rühren parat, aber es ist zu aufwendig, wegen einer Salatgurke oder einem Pfund Quark die Maschine aus dem Schrank zu nehmen, aufzustellen und dann zu reinigen. Die Küchenmaschine dient hauptsächlich der Vergegenwärtigung von Gewichtigkeit, Lärm und Befähigung in der eigenen Küche. So auch die Weltanschauung. Dabei geht nichts über ein wirklich scharfes und handliches Messer. Und man wusste das, hat aber trotzdem die teure Maschine gekauft, um endlich kompetenter zu sein. Am besten, man lässt sie im Schrank und spricht nicht mehr von ihr.
Nun gibt es Leute, die haben die Weltanschauung nicht im Schrank, sondern benutzen sie täglich. Das ist gefährlich. Weltanschauungen legt man sich nämlich ausschließlich aus Erschöpfung zu, leichterhand und allzu oft als menschliche Reife bezeichnet. (Auch eine Küchenmaschine wird gerne erworben, wenn man schon alles hat!) Eine einzige Weltanschauung ist aber solange man lebt hinderlich, es sei denn man strebt nach Petrifizierung. Allen, die gerne davon reden, man solle seinen Platz in der Welt finden, möchte ich an dieser Stelle zurufen: Immer schön wechselhaft! Der einzige Platz, den wir je belegen werden, ist recht klein und unspektakulär und sollte nur eingenommen werden, wenn man wirklich schon tot ist.
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