Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es  ein Editorial der Literaturhausleiterin. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Ihr Literaturhaus Hannover 

/ Editorial Februar Tafelsilber

Immer wenn ich im Bus Richtung Nordstadt fahre, und es kommt die Haltestelle Grabbestraße, denke ich  „Ich bin an meinem dritten Löffel.“ Das habe ich von Heinrich Heine, der mit den Juwelen seiner Mutter als Student seinen Unterhalt bestritt, und von Grabbe berichtete, dass dieser nur das Tafelsilber der Familie zur Verfügung hatte und seine aktuelle Lage, jeweils nach dem verbliebenen Vorrat an Messern, Gabeln, Suppen- und Kaffeelöffeln beschrieb. Es hat nicht weit gereicht, das Familiensilber. Grabbe ging es nicht gut.

Das Viertel, in den späten 1920er  und 30er Jahren gebaut, versammelt Grabbe, Melanchthon, Kleist und so weiter, aber auch Husaren-, Dragonerstraße und nur einen Steinwurf entfernt, Richtung Innenstadt, befindet man sich in der Gründerzeit und ganz in Preußens Gloria: Zieten, Seydlitz, Goeben ... Hohenzollern, Kriegerstraße, Welfenplatz. Ja, selbst der Wedekindplatz  ist nicht nach Frank Wedekind, der in Hannover geboren wurde, benannt, sondern nach irgendeinem Militär aus der Familie. Das aber haben die Anwohner längst in Eigenregie umgedeutet: Es gibt das Café Lulu dort, man wehrt sich gegen die Stadtplanung, die alte Bäume zugunsten einer autogerechteren Platzgestaltung fällen will und fühlt im Geist eines widerständigen Realismus, ohne Prüderie, leicht hedonistisch. Sogar die Katzen haben dort eigene Klingelschilder und man kann draußen sitzen und Kaffee trinken.

Auch Namen sind nur Klänge und irgendwann denkt man nichts mehr dabei. Eine Schulfreundin von mir hat immer Molkte-Platz gesagt. So wie ein seltsames Präteritum von melken. Ich fand das viel schwieriger zu sprechen als Moltke, sagte aber nix. Sie wissen schon: Aus Höflichkeit und weil Moltke ja auch nicht viel gesagt haben soll. Viel mehr weiß ich nicht von Moltke. Und das wenige auch nur, weil ein Tatort mit Götz George so hiess.

Doch durch die Zeit - mit Grabbe, Heine und Co. -, zu Wedekinds Zeiten und erst recht danach, war das öffentliche Leben ein Männerleben und ein Männerleben meist ein Kriegerleben: Sedanstraße, Langensalza, Waterlooplatz, Hindenburgstraße, Walderseedenkmal, Ulanenreiter, Bismarckbahnhof... Franzosenkriege, erster Weltkrieg und erst der zweite hat uns das ausgetrieben. Und das Kino. Die Lässigkeit der Film-Cowboys Gary Cooper und Clark Gable, James Stewart, Montgomery Clift. Sie schossen auch, aber locker aus der Hüfte. Und dank Trommelrevolver sechsmal in sechs Sekunden.

Aber wer, hat mal ein kluger Krimischriftsteller seinen Kommissar sagen lassen, möchte denn überhaupt auch nur eine einzige Kugel im ganzen Leben abfeuern? Keiner. Meinetwegen können wir noch viele Straßen umbenennen. Gerne nach Kunstfiguren und Antihelden, denn auch Grabbe hatte seine dunklen Seiten: Schwejkstraße, Eulenspiegel- und Krullweg, Anton-Reiser-Gasse und für mich einen Kater Mikesch-Platz.
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/ Editorial November / Dezember / Januar Schwer fassliche Fledermauseinheiten

Die Seele reist mit 60 Stundenkilometern sagte mir eine Freundin immer. Das wüssten die Buddhisten. Nun weiß ich nicht, woher die Buddhisten das wissen, doch wieso mit 60 km/h und nicht 5 oder nur 70 cm die Stunde? Und warum nicht eine ganz andere Maßeinheit? Und Wiedergeburt sei nach 48 Stunden, also nach zwei Tagen und Nächten. Und das, wo doch, wenn überhaupt, nach drei Tagen wiederauferstanden wird!

Davon abgesehen, dass diese Behauptungen ganz un-buddhistisch sein könnten, gibt es immerhin die Theorie, dass Jesus längere Zeit in Indien gewesen sei, dort allerhand von Buddha gelernt hätte, und nach seiner Nahtod-Erfahrung erleuchtet wieder dorthin ging. Das würde immerhin erklären, warum der Buddhismus manchmal wie verfeinertes Christentum wirkt, nur philosophischer und ohne Gott natürlich.

Doch egal wer was zu wissen meint: Schon oft habe ich mich gewundert, dass es immer wieder so exakte Angaben zu transzendenten Prozessen gibt. Warum rechnet sich das nach der üblichen, modernen Zeiteinteilung und nicht zum Beispiel nach Fledermauseinheiten. Fledermäuse sind die transzendentesten Wesen, die mir einfallen. Und das geht nicht mir allein so, sondern auch die alten Chinesen hatten das erkannt. Als mein Tante starb, hatte ich einen wundersamen Traum voller zutraulicher Fledermäuse und silbrigem Mondlicht. Aber das lag vielleicht am Chinesen in mir. (Davon abgesehen besaß meine Tante einen chinesischen Teppich mit einer Bordüre aus stilisierten Fledermäusen!)

Die wesentlich interessantere, schwer fassliche Fledermauseinheit hat sich jedenfalls bisher nirgends durchgesetzt und so reist die Seele nun also mit maximal 60 km/h. Das wiederum würde erklären, warum Autofahrten, Schnellzüge und Flugreisen vorübergehend Zombies aus uns machen.

Unsere Seele ist gleicht also nicht der Fledermaus sondern ist eine lahme Ente. Die Ente muss nämlich, weil sie eher fürs Watscheln als fürs Fliegen gebaut ist ordentlich rudern, damit sie nicht vom Himmel plumpst und fliegt extra schnell, und zwar mit 60 km/h! Das erklärt vielleicht, warum Reisen so erschöpft, selbst wenn man dabei stundenlang nur stillsitzt. Die Ente in uns ist einfach müde.

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