Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es  ein Editorial der Literaturhausleiterin. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Ihr Literaturhaus Hannover

Neu und jetzt im Buchhandel: Hasenrein eingemiezelt. Kolumnen von Kathrin Dittmer aus den letzten 10 Jahren. Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.

/ Editorial Mai / Juni Hoch auf dem gelben Wagen

Gehst Du eigentlich auch bald in Rente, wurde ich neulich gefragt und habe ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt. Die Republik rechnet nämlich damit, dass ich noch zehn Jahre arbeite, und ich hatte noch gar keinen Gedanken daran verschwendet, das sein zu lassen. Nun hatte ich aber einen Floh im Ohr und betrachtete mein morgendliches Spiegelbild zugleich mit Skepsis und Nachsicht. Bestimmt würde ich schon nach wenigen Monaten Rente weniger übernächtigt aussehen und gleich viel jünger wirken. Dann könnte ich mit frischem Elan andere mit ähnlich zudringlichen Fragen verblüffen.

Also habe ich online beim Rententräger vorbeigeschaut, wann ich mich denn überhaupt offiziell zur Ruhe setzen darf. Aha: frühestens in sechs Jahren. Und da ich ja rechnen kann, schaue ich auch gleich, was das wohl in Euro heißt: minus 13 %. Holla. Da musste ich doch schlucken. An dieser Stelle runzelt Christian Lindner, der Mann in den Extra Slim Fit Hemden, immer die Stirn. Aber: Ich habe privat vorgesorgt. Sogar ganz konservativ, also bisher ohne Verluste, was bei anhaltendem Niedrig-Zinssatz bekanntlich das höchste der Gefühle ist. So richtig viel ist es aber nicht. Christian Lindner muss also weiter streng gucken. Egal: Wann kann ich mit der Knete rechnen? In acht Jahren. Aha. Zehn Jahre, acht Jahre, sechs Jahre: Auf jeden Fall nicht allzu bald. Wenn es mich man bis dahin nicht schon von der Platte geputzt hat...

Apropos Platte: Schon oft habe ich darüber nachgedacht, wie ich etwas bescheidener wirtschaften könnte. Man muss ja nicht gleich auf der Straße leben, aber es kann nicht schaden, den Konsum etwas einzuschränken. So gewöhnt man sich nebenbei auch schon an die kommenden, mageren Rentenjahre. Ganz fasziniert war ich neulich von einem Bericht über kleine Häuschen auf Rollen, Tiny Houses genannt. Die gabs bei Tchibo sogar schon im Angebot, und zwar unter „Non Food“. Da ich die längste Zeit des Tages und Jahres sowieso bei der Arbeit zubringe, müsste mir so ein Tiny House eigentlich schon jetzt als Rückzugsraum reichen. Aber in Rente? Ohne Notwendigkeit täglich aus dem Haus zu gehen? Und wo lasse ich die Bücher?

Wahrscheinlich sollte ich gründlich umdenken: Die Stadt stärker als eigenen Wohnraum begreifen. Ich bin ja schon lange für die Renaturierung von Parkflächen. Alle Wagen weg, alles aufreissen und bepflanzen. Das gäb auch prima Stellflächen für Minihäuschen. Na gut, eine rollende Laubenkolonie ist städtebaulich auch kein toller Wurf, aber hässlicher als die Geländewagen für die es kein Gelände gibt und die überwiegend scheußlich bemöbelte Außengastronomie ist selbst das Tchibo-Modell nicht.

Lesen und arbeiten in der Bibliothek oder im Museum. Rohkost, Nüsse, belegte Brote und Obst als Hauptnahrung aus der Tüte essen. Zuhause nur Kaffee kochen und mal eine Suppe. Nicht schlecht. Allerdings: So lebe ich schon. Nur ohne Tiny House. Ich müsste nur noch ins Büro ziehen. Na toll! Dann kann ich ja auch gleich so lange arbeiten, bis ich tot umfalle nach dem Motto: Praktisch denken, Särge schenken. Och nö! Wer schenkt mir ein Tiny House? Ob ich mal Lindnern frage?

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/ Editorial März / April I am the Greatest

Früher, wenn einer wissentlich etwas Falsches sagte, hieß das Lügen. Heute immer noch. Zudem gibt es Unwahrheiten und eigene Wahrheiten, doch seit kurzem  und je nach Interessenlage auch alternative Fakten, Fakes und Internet-Trolle, die Gefolgschaft simulieren. Mit „Fakten, Fakten, Fakten“, wirkt man irgendwie anmaßend, jetzt heißt das „Fakten, faken, alternative Fakten“. Na ja, oder so ähnlich.

Ich überlege schon seit geraumer Zeit, wie ich wohl Gast in einer Polit-Talkshow werden könnte. Vielleicht etwas spektakulär Bescheuertes ganz fest behaupten? Feinstaub ist eine körpereigene Substanz und würde uns fehlen oder so. Dann würde ich auf alles, was die anderen sagen, immer nur einen Satz bringen: „Stimmt ja gar nicht.“ Und schwups hätte ich eine Partei gegründet und wäre Kandidatin. Da braucht man allerdings ein belastbares Gemüt. Denn vielleicht, weil die fortgeschrittene Merkantilisierung der Gegenwart es mit sich bringt, dass alle Welt sich gut verkaufen will, muss es heute immer etwas mehr sein. Dick auftragen: quasi erwünschte Eigenwerbung. Understatement war mal.

Wie schon damals Muhammad Ali, noch als Cassius Clay, mit „I am the greatest“. Allerdings hinkt der Vergleich, denn er bewies dann, dass es stimmte, weswegen seine Behauptung wohl eher als zutreffende Selbstdarstellung betrachtet werden muss, vielleicht auch als erfolgreiche Autosuggestion. Es war wohl aber eine Marketingstrategie. Egal: Heute liefe das unter „Selbstoptimierung“. Wobei sich da eine neue Schikane zeigt: Wer oder was bestimmt eigentlich, was das Optimum ist?

Okay, Schwergewichts-Weltmeister ist ein klares Ziel und Muhammad Ali wollte, soweit ich weiß, nie etwas anderes sein als ein klasse Boxer. Da ist dann auch klar, was optimal ist: Weltmeisterschaft gewinnen, danach den Titel möglichst rekordverdächtig lange halten. Das schafft nicht jeder und Weltmeister soll auch gar nicht jeder können, denn wenn alle Weltmeister wären, wäre keiner mehr Weltmeister. Doch, doch, das stimmt schon so. Nur mal kurz nachdenken: Wo es Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben.

Wenn es aber so richtig viele Verlierer gibt, weil ein weniger fokussierter Selbstoptimierer meint, er könne alles? Wenn zum Beispiel ein erfolgreicher Unternehmer sich berufen fühlt, ein ganzes Land unter betriebswirtschaftlichen Aspekten zu optimieren. Und man ihn dann lässt. Plötzlich hat man da Bevölkerung übrig. Was macht man dann mit denen? Entlassen?

Muhammad Ali wusste, wo seine Grenze war, und er wollte kein Vietnam-Kämpfer sein. Deswegen musste er ins Gefängnis und durfte nicht mehr boxen. So war das damals. Er wusste: Einen Kampf kann man gewinnen, einen Krieg nicht. So wie es bei Macbeth heißt: „When the hurly burly's done, when the battle‘s lost and won.“

Tja, bei Macbeth hats mit der Selbstoptimierung ja nicht so gut geklappt. Deswegen gibts da so viele Tote. Ich sag mal: Augen auf bei der Berufswahl!

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