Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es  ein Editorial der Literaturhausleiterin. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Ihr Literaturhaus Hannover 

/ Editorial November / Dezember / Januar Schwer fassliche Fledermauseinheiten

Die Seele reist mit 60 Stundenkilometern sagte mir eine Freundin immer. Das wüssten die Buddhisten. Nun weiß ich nicht, woher die Buddhisten das wissen, doch wieso mit 60 km/h und nicht 5 oder nur 70 cm die Stunde? Und warum nicht eine ganz andere Maßeinheit? Und Wiedergeburt sei nach 48 Stunden, also nach zwei Tagen und Nächten. Und das, wo doch, wenn überhaupt, nach drei Tagen wiederauferstanden wird!

Davon abgesehen, dass diese Behauptungen ganz un-buddhistisch sein könnten, gibt es immerhin die Theorie, dass Jesus längere Zeit in Indien gewesen sei, dort allerhand von Buddha gelernt hätte, und nach seiner Nahtod-Erfahrung erleuchtet wieder dorthin ging. Das würde immerhin erklären, warum der Buddhismus manchmal wie verfeinertes Christentum wirkt, nur philosophischer und ohne Gott natürlich.

Doch egal wer was zu wissen meint: Schon oft habe ich mich gewundert, dass es immer wieder so exakte Angaben zu transzendenten Prozessen gibt. Warum rechnet sich das nach der üblichen, modernen Zeiteinteilung und nicht zum Beispiel nach Fledermauseinheiten. Fledermäuse sind die transzendentesten Wesen, die mir einfallen. Und das geht nicht mir allein so, sondern auch die alten Chinesen hatten das erkannt. Als mein Tante starb, hatte ich einen wundersamen Traum voller zutraulicher Fledermäuse und silbrigem Mondlicht. Aber das lag vielleicht am Chinesen in mir. (Davon abgesehen besaß meine Tante einen chinesischen Teppich mit einer Bordüre aus stilisierten Fledermäusen!)

Die wesentlich interessantere, schwer fassliche Fledermauseinheit hat sich jedenfalls bisher nirgends durchgesetzt und so reist die Seele nun also mit maximal 60 km/h. Das wiederum würde erklären, warum Autofahrten, Schnellzüge und Flugreisen vorübergehend Zombies aus uns machen.

Unsere Seele ist gleicht also nicht der Fledermaus sondern ist eine lahme Ente. Die Ente muss nämlich, weil sie eher fürs Watscheln als fürs Fliegen gebaut ist ordentlich rudern, damit sie nicht vom Himmel plumpst und fliegt extra schnell, und zwar mit 60 km/h! Das erklärt vielleicht, warum Reisen so erschöpft, selbst wenn man dabei stundenlang nur stillsitzt. Die Ente in uns ist einfach müde.

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/ Editorial August / September / Oktober Frühe Ikone

Katalog meiner Sentimentalitäten 27

Ich weiß nicht, warum ich an manchen Dingen so hänge. Das ist bestimmt ganz schlecht. Doch wenn ich zurückdenke, war das bei mir als Kind sogar noch schlimmer. Nur besaß ich da nicht so viel. Zum Glück! Denn ich beseelte viele Sachen, vor allem alles, was irgendwie wesenhaft hieß oder aussah.

Das machte mir das Leben allerdings nicht leichter. Oder haben Sie schon einmal versucht, Weidenkätzchen ein Zuhause zu schaffen? So war mein Alltag von einigen skurrilen Ritualen durchzogen und es gab Grenzen, die außer mir keiner kannte und die es doch einzuhalten und zu verteidigen galt. Unsere Mutter hatte ihre liebe Not mit mir, weil ich zum Beispiel nur bereit war, mir die Haare waschen zu lassen, wenn ich den gefürchteten Seifenschaum mithilfe eines Waschlappens, den ich fest auf die Augen presste, abwehren durfte. Und natürlich nicht mit irgendeinem Waschlappen, sondern nur mit einem, der allein mir gehörte und auf dem der Gestiefelte Kater abgebildet war. Allerdings muss ich sagen, dass ich auch bis heute nicht verstehe, wieso der beissende Schaum überhaupt in Richtung Augen laufen musste. Es gab noch den Badeofen, also keine stets verfügbare Dusche und die Haare spülte man bei uns mit angewärmten Wasser aus einem alten Milchtopf. Man könnte meinen, ich sei in der grauen Vorzeit Kind gewesen, aber das war noch bis Anfang der 70er Jahre Standard. Ich meine den Badeofen. Na ja, irgendwie ist das inzwischen auch die graue Vorzeit...

Jedenfalls glaubte ich als Kind fest an die Kraft der Bilder und der Gestiefelte Kater schaffte es zwar auch nicht, den Seifenschaum ganz abzuwehren, aber man musste man ihm sein Versagen verzeihen, denn auf dem Waschlappen sah der Kater eher harmlos aus, wie ein zahmer Nachtwächter. Ich hätte ihm nichts zugetraut, wäre er nicht  - zu meiner größten Freude - auch in meinen Grimms Märchen abgebildet gewesen. Streng genommen gehörte der Kater da gar nicht rein, weil es ein Kunstmärchen von Perrault ist, aber er stiefelt bis heute durch die meisten Märchensammlungen auf denen Grimm steht. Und ich muss sagen, dass er mich von Beginn an sehr beeindruckt hat. Man sieht ihn aufrecht, breitbeinig stehen, mit Federhut und Stulpenstiefeln, wie er den Leuten auf dem Feld mit krallenbewehrter Pfote droht und sie anfaucht. Das gefiel mir ungeheuer.

Ich wollte gerne auch so sein. Der Kater, der - solange es keine Notwendigkeit gegeben hatte, sich irgendwie anzustrengen - recht unauffällig war, verwandelt sich lässig in eine respektheischende, einmalige Person. Keine Samtpfote, kein Schleifchen sondern pure Katerpotenz. Dazu noch schlau und pragmatisch. Was konnte es besseres geben?

Ich habe diese Katerfähigkeiten allerdings bis heute nicht erreicht und auch noch keinen bösen Zauberer gefressen, höchstens ein paar Schaumschläger übertrumpft, und doch wirft man mir immer wieder mal Dominanz vor. Das allerdings mag daran liegen, dass es der Gestiefelte Kater heisst und nicht die Gestiefelte Katze. Ab und zu betrachte ich noch das Bild im Märchenbuch, „denn nur ein gemeiner Emporkömmling verleugnet die Freuden seiner Jugend.“, wie es bei Perrault vom Kater heißt. Neben mir eine ererbte Kaffeetasse, denn, so geht das Märchen weiter: „Kleines Erbe hat oft schon mehr genützt als großes, ... und Behalten ist bekanntermaßen noch schwerer als Erwerben.“

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