Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es  ein Editorial der Literaturhausleiterin. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Ihr Literaturhaus Hannover 

/ Editorial April / Mai / Juni 2018 Porque te vas?

Es gibt ja diese Momente, wo man sich ein wenig „trans“ fühlt, wie es Peter Rühmkorf einmal so treffend wie salopp ausdrückte. Ich bin aber nicht sicher, ob die Sache wirklich „trans“ war, vielleicht nur merkwürdig, denn sie hat sich am hellen Vormittag am nicht eben für Übersinnlichkeit berühmten, dafür stets zugigen Raschplatz ereignet: Vier Fahrspuren, darüber wölbt sich schmutzig-grau gedrungen der Bogen der Hochstraße, gleich hinter Hannovers Bahnhof. Früher eine höchst anrüchige Gegend, heute einfach nur leer. Der Platz ist kein Platz mehr sondern eine Schneise und könnte Pate für Jörg Müllers Bildermappe: „Alle Jahre wieder, saust der Presslufthammer nieder“ gestanden haben.

Immerhin: Als Fußgänger kommt man dank Ampelschaltungen langsam aber sicher über die ganz Breite der  Berliner Allee, die dort unversehens zur Hamburger wird und muss nicht in den Untergrund, der Passerelle, in der die irre Idee, dass Fußgänger unter die Erde gehören, Gestalt angenommen hat. Was kann da „trans“ sein, außer dass eine Straße generell von da nach dort führt? Und zurück natürlich.

Ich stand alleine an besagter Ampel, im Rücken die Alte Celler Heerstraße  - die nur ich noch so nenne, weil mir Lister Meile noch weniger gefällt -, und spürte jemanden in meiner Nähe. Ein durchdringendes Forschen von rechts. Ich schaute mich um, irritiert, weil niemand in der Nähe war. Der Verkehr rauschte von links an mir vorüber, die Ampelphase zog sich hin. Nun bin ich immer bereit, jeglicher Wahrnehmung zu misstrauen, zuallererst meiner eigenen. Da sah ich sie. Direkt neben mir, höchstens einen Meter entfernt, klein, schwarz, aufmerksam: eine Krähe. Sie stand auch an der Ampel. Anders kann man es nicht sagen. Schaute an mir hoch, dann wieder zur Verkehrsinsel unter der Hochstraße, musterte mich irgendwie kumpelhaft; ja, erwartungsfroh. Können Krähen überhaupt erwartungsfroh gucken? Die Ampel sprang auf Grün. Ich machte den Schritt vom Bordstein auf die Fahrbahn, die Krähe dackelte auch los. Stakte in leicht schwankendem Krähengang zügig neben mit her. Auf der Fahrbahn lag eine Kastanie, zerquetscht von den Autoreifen. Die holte sie sich und flog davon.

Nun ist hinlänglich bekannt, dass Krähen sehr einfallsreich sind. Sie lassen Früchte, die geknackt werden müssen auf eine viel befahrene Straße fallen, um die Autos den Job machen zu lassen und holen sich dann den Kern. Sie weichen erbeutetes trockenes Brot in verstopften Dachrinnen ein und verstehen auch was vom Werkzeuggebrauch. Aber woher wusste die Krähe, dass ich zuverlässig bin? Dass sie auch losgehen könnte, wenn ich mich bewege? Und warum ist sie neben mir hergelaufen und nicht gleich zu ihrer Kastanie gehüpft oder geflattert? Die Antwort brauche ich gar nicht auszuführen. Ich schlucke nur leicht bei soviel praktischem Eigensinn. Die Vorteile liegen klar auf der Hand, in diesem Fall auf der Kralle. Seitdem grüße ich alle Krähen, die sich vor meine Füsse wagen. Denn vielleicht kennen wir uns. Besser höflich bleiben.

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/ Editorial Februar / März 2018 Wiese

Als ich klein war, dachte ich immer meine Oma und meine Tante wären verheiratet, miteinander. Meine Tante, so dachte ich, wäre „der Mann“, denn sie ging morgens früh aus dem Haus zur Arbeit, während Oma als „die Frau“ den Haushalt machte und kochte. Sie lebten in einer Zweizimmerwohnung in der aufgeräumten Südstadt. Jeder von ihnen  gehörte ein Zimmer, das aber viele Funktionen hatte: Wohn-Ess-Schlaf-Gäste-Werk-Lese-Nudelteigtrocknungs-Fernseh-Hefeteigruhe-Handarbeitszimmer. Ich war dort gerne zu Besuch. Mittags, wenn Oma und  ich ein Brot gegessen hatten, schlief sie für ein Weilchen auf der Chaise, die nachts ihr Bett war. Ich saß derweil auf dem Wohnzimmerteppich, lauschte ihren Atemzügen und spielte Wiese. Auch wenn ich kein lautes Kind war, war Wiese trotzdem das mit Abstand leiseste Spiel, das ich je erdacht habe. Allerdings konnte man es ausschliesslich alleine und auf Omas Wohnzimmerteppich spielen. Der Teppich war hübsch in zarten Grün-Ockertönen gemustert und äußerst wiesig für einen Teppich. Das Spiel selbst war sehr innerlich. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass es eigentlich keine weiteren Elemente hatte, als auf dem Teppich zu sitzen. Manchmal arrangierte ich dabei geduldig ein paar am ehesten als Spolien zu beschreibende Teile eines Reifen-Holzbauernhofs: drei Zaunstücke, ein Männchen, zwei Schafe und eine Krähe. Letztere überdimensioniert und offenbar aus einem größeren Reifen geschnitten, daher etwas bedrohlich auf dem wackeligen Zaunpfosten hockend.

Nachmittags gab es einiges im Haushalt zu tun und Oma kochte. Ab vier Uhr observierte ich dann vom Küchenfenster aus die Straßenecke, um die meine Tante kommen würde und um fünf gab es warmes Essen. Meine Tante erzählte vom Dienst und übernahm vielleicht noch eine Hausarbeit, die Oma zu schwer fiel, wie Gardinenaufhängen, oder sie schraubte beherzt den Toaster auf, um zu sehen, ob es einen Wackelkontakt gab, den sie wieder befestigte oder um festzustellen, dass es einer größeren Reparatur bedurfte. In solchen Fällen nahm sie das Gerät dann mit, für „unsere Herren von der Technik“, um deren Meinung oder Hilfe einzuholen. Jene „Herren von der Technik“ waren Fernmeldeingenieure und passionierte Tüftler vor dem Herrn und mir ein Rätsel, wie eine fremde, kühle Spezies, da ich annahm, dass sie kein Zuhause hätten, sondern immer im weißen Kittel im Fernmeldeamt umherschwebten. Vielleicht hat mich das „Herrn“ auch verwirrt, weil Gott, der Herr, jeden Abend die schönsten Schäfchen zählte.

Seltsamkeiten der Erwachsenenwelt kümmerten mich aber wenig, denn die war sowieso eine ganz andere als unsere Kinderwelt. Wir Kinder machten viel mit uns selbst und untereinander ab und wussten genau, was man besser nicht preisgab.

Meiner Tante habe ich erst Jahrzehnte später erzählt, dass ich glaubte, sie sei mit Oma verheiratet gewesen. Sie dachte ein wenig nach und sagte: „Irgendwie waren wir das auch.“  Erst da fiel mir auf, dass es in meiner ganzen Familie sonst überhaupt kein Paar gegeben hatte, das diese angeblich so klassische Geschlechteraufgabenteilung in Reinkultur lebte. Nur Oma und Tante Christa. Anscheinend glaubte ich gerade deswegen, dass sie verheiratet wären. Sie waren für mich einfach die ungewöhnliche Besetzung einer Standardformation, die allgegenwärtig war, ohne wahr zu sein. Ich wusste zwar von der Existenz verschiedener Geschlechter, aber maß dem keine Bedeutung bei. Wie klug wir doch als Kinder sind!

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