Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin.

Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Im Buchhandel erhältlich: Hasenrein eingemiezelt Kolumnen von Kathrin Dittmer. Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.  » zuKlampen

/ Editorial Juni All around the Globe

When I get to the bottom I go back to the top of the slide / Where I stop and I turn and I go for a ride / Till I get to the bottom and I see you again ... yeah, yeah, yeah, yeah, yeah!!! Genau, so beginnt der bekannte Beatles-Song „Helter Skelter“. Auf und ab, holterdipolter. So geht's uns seit Monaten. Aber egal: Wir halten durch. Sie bitte auch!

Es gibt nämlich auch allerhand Ausblicke. Gerade jetzt sind wir im Innenstadtdialog. Dort soll das Kulturdreieck bald und in Zukunft für gute Atmosphäre sorgen. Das Dreieck ist eine räumliche Sache und ergibt sich aus dem Platz um und zwischen Oper, Künstler- und Schauspielhaus. Visionen sind gefragt, aber auch ganz praktische, wenn nicht gar pragmatische Vorschläge und Konzepte. Kunst kann viel. Das schreckt uns also zuletzt. Weil ich wohl aber meine Vision vom Dreieck trotz aller Dialoge wahrscheinlich nie anbringen kann, belästige ich Sie jetzt damit! Sorry. Sie können ja aufhören, hier weiterzulesen.

Also: Ich wünsche mir, dass man, wenn man sich – egal von welcher Seite – dem Kulturdreieck (hoffentlich fällt uns noch ein schönerer Name ein!) nähert, sieht, dass man gleich eine andere Welt betritt. Dafür müssten allerdings ein paar städtebauliche Kleinigkeiten angegangen werden ...

Wir holen das Opernhaus aus der Versenkung und senken dafür ausnahmsweise mal das Niveau, nämlich das Bodenniveau, auf Kosten der Tiefgarage, sodass die Oper wieder erhobenen Daches (All around the Globe!) und erhaben ihre alte Freitreppe auf dem Platz bekommt. Das Pflaster des gesamten Areals wird entfernt: Opernhaus, Künstlerhaus und Schauspiel stehen in einer durchgehenden Rasenfläche, vorzugsweise einer Wildblumenwiese. Eine elegante Hochbrücke (bin selbstlos, da nicht schwindelfrei!) für Fußgänger führt von der Georgstraße oder der Opern-Balustrade durch die Sophienstraße, direkt an den Fenstern des Kunstvereins vorbei (Sneak-View!) und endet vor den Türen des Schauspiels oder aber im Innenhof. Der Schiffgraben (ahoi!) wird geflutet. Da das Schauspielhaus sowieso ein bisschen nach Ozeandampfer aussieht, gibt das ein stimmiges Bild und sorgt zudem für künstlerische Möglichkeiten, bei denen jede Hafencity blass vor Neid wird, und für allgemeine Lärm- und Verkehrsberuhigung. Auf und im Graben darf tagsüber Wassersport, am Ufer auch lauschige Gastronomie betrieben werden.

Zudem ist mir eines wichtig: Sicher ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass ein Raum nach vorne und nach hinten reicht, nach oben und: nach unten! Also soll man sich auch fragen: Was ist unter der Oberfläche? Jedenfalls keine Tiefgarage mehr. Herrlich, oder? Wenn man weit genug denkt, ist da – so ungefähr jedenfalls – Neuseeland inmitten der Tasmanischen See. Das sagt mir was. Wir sind nicht alleine! Was machen die anderen? Es geht – mal intellektuell ausgedrückt – in jeder Hinsicht auch im Kulturdreieck, im Leben und der Kunst, um transitorische Prozesse. Deswegen wollen Julia und ich auch ein Tiny House, ein Tiny Literaturhaus, mit dem wir überall hin rollen können. Alternativ bin ich auch mit einem eigenen Literaturhaus zufrieden, entweder im Palais Grote oder als Neubau Georgstraße, Ecke An der Börse. Dann aber unbedingt in Guglhupf-Form mit Außenrutsche für Kinder. Helter Skelter! Jau. Also ich find's gut.

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/ Editorial Mai Abgelegen

Immer wenn es weitergeht mit dem Wegducken vorm Virus, und ich für die jüngst erreichte Gegenwart eigentlich etwas anderes auf dem Plan gehabt hatte, frage ich mich, wie ich vor Monaten so naiv sein konnte. „Sah ja zu dem Zeitpunkt auch besser aus“, sagt mein Bruder. Aber früher, als wir noch zusammen im Inselkino Bud-Spencer-Filme guckten, hätten wir gesagt: „schön gegen den Schrank gelaufen“. Und tapfer nochmal versucht, könnte man ergänzen. Vom dauernden Antauchen und Auflaufen ist der Nacken schon ganz hart.

Also entspanne ich auch Ostern nicht auf der Insel. Auch meinen Geburtstag verbringe ich schon zum zweiten Mal nicht im Leipziger Messetrubel, sondern diesmal in Quarantäne. Zwar nicht ganz so wie auf der sprichwörtlichen einsamen Insel, abgeschieden ist es aber trotzdem: Ein Absonderungsbrief traf ein und meine Nachbarn und Freunde legen mir Post und Brot vor die Wohnungstür. Die öffne ich einen Spalt für Sekunden, wenn das Treppenhaus wieder leer ist, und grabsche hektisch nach den Sachen. (Jetzt denken Sie bitte nicht, ich sei völlig hysterisch. Es ist mal wieder wegen der Katzen. Die flitzen sonst raus und ich darf ja nicht hinter ihnen herkeuchen, um sie wieder einzufangen.)

Jedenfalls stelle ich mir so ein bisschen das Eremitenleben vor, nur dass die mehr beten. Vielleicht tendiere ich ohnehin mehr so zum Schmuckeremit, wenn auch jetzt leider nur in Selbstbetrachtung.

My home is my castle ist angeblich ein englisches Sprichwort. Wobei mir immer nicht so ganz klar ist, ob das eine Erklärung der Wehrhaftigkeit oder ein Postulat der Sicherheit ist. Manche meinen ja, das sei dasselbe. Das halte ich aber für etwas zu kurz gedacht. Obwohl es bestimmt toll wäre, wenn ich so Bud-Spencer-mäßig lästige Kerle einfach drei Meter weit werfen könnte. Ein früherer Mitbewohner hatte ein bisschen so eine Anmutung von Superkraft. Er war sehr friedlich, aber als Kind in den Zaubertrank gefallen und trug schon in der Grundschule die Hemden seines Vaters auf. Einen Konzertflügel konnte er aus dem Stand auf der schweren Seite alleine anheben und musste beim Öffnen von Schraubgläsern immer aufpassen, das Glas nicht aus Versehen mit der linken Hand zu zerdrücken. Es kann also auch ein wenig hinderlich sein, wenn man so stark ist. Außerdem wird man dann dauernd gefragt, ob man mal eben schnell den Flügel oder das Auto anheben könnte, und schwuppdiwupp hat man Rücken und die kleine Schwester trägt einem die Koffer, woraufhin sich dann alle empören, dass man so ein Tölpel ist.

Aber zurück zu home, sweet home, was Igel angeblich leicht pfeifen können. Ich darf immerhin zu Hause bleiben und muss meine Zeit nicht an öden, langweiligen Orten zubringen. Von Schreckensbildern aus Krankenhäusern abgesehen, gibt es ja allerhand Blasen dieser Art, in denen man nicht mal tot über 'm Zaum hängen möchte, wie meine Cousine immer sagt. Ein schlauchförmiges Zimmer mit Nasszelle in einer Reha-Klinik zum Beispiel. Oder in Disneyland, oder wie die Deutsche Fußballnationalmannschaft in Putins Freizeitpark. Je nachdem, wie man veranlagt ist, findet man es vielleicht nicht so märchenhaft. Märchen-Haft, darf ich Ihnen als Kennerin des Genres sagen, kann nämlich sowieso nach hinten losgehen, ähnlich wie Sagen-Haft und Fabel-Haft, eng verwandt und schon an sich recht zwielichtig! Überhaupt: Zweifel-Haft, Traum-Haft ... oh je, oh je. Am besten ist noch Reflex-Haft, oder? Der reine Psychoterror wären aber Grauen-Haft und Ekel-Haft. Nein, es bleibt dabei: home, sweet home! – das kann selbst jeder Igel pfeifen.

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/ Editorial April Feldforschung im Innenraum

Wenn man von Natur aus zu den Stubenhockern zählt, sollte einem das Zuhausebleiben nichts ausmachen. Im Gegenteil, man fühlt sich weniger gehetzt. Und man ernährt sich womöglich sogar gesünder, macht eine richtige Mittagspause mit Rote-Bete-Eintopf, trinkt weniger Kaffee und mehr Minztee, snackt täglich Walnüsse fürs Hirn, macht am offenen Fenster Gymnastik und so weiter.

Allerdings fördert das Verhockte auch das Eigenbrötlertum und die Konzentrationsschwäche, was am Begegnungsmangel liegt. Auch ist die Verlockung groß, noch im Nachtgewand schon mal mit einem gemütlichen Pott Kaffee in der Hand den Computer anzuschmeißen, die Mails zu checken und auch gleich zu beantworten, wo man schon mal dabei ist, sowie alle die anzurufen, die man am besten noch vor 9 Uhr erreicht. Und schwupps: Schon schafft man es bis zur ersten „ViKo“ um 11 Uhr nur mit Mühe, zumindest vom Scheitel bis zur Tischkante annehmbar gewandet vorm Laptop zu sitzen.

Das Arbeiten zu Hause führt auch zu grässlichen Wortschöpfungen. Die Anwesenheitsabstimmung bei den Facetime-Teamsitzungen mit meinen Kolleginnen beende ich oft mit der Ansage „Morgen und Mittwoch Home-Office, ansonsten bis auf Freitag Office-Office“. Ja, so red ich jetzt. Man kann faktisch gar nicht so viele Walnüsse essen, wie man bräuchte, um dagegen anzukommen.

Leider muss man sagen, dass zudem selbst bei gewieften Leserinnen wie mir auch die Lesefähigkeit leidet. Neulich las ich von der Marsexpedition „perserverance“ und fürchtete, dass man wieder ein armes Tier in den Weltraum gejagt hätte, das dann wie die berühmte Laika elend verenden würde, und zwar diesmal eine Perserkatze. Nun ja, ein Wort wie „perseverance“ ist zugegeben für die meisten keine geläufige Vokabel. Insofern muss ich mich nicht schämen, aber mich ließ das Bild von einer Katze im Raumanzug irgendwie nicht mehr los. Und vom Elend der Tiere durch die Grausamkeit der Menschen kommt man schnell auf die allgemeine Grausamkeit des Menschen, und das muss einem den Tag versauen, aber wiederum dankbar stimmen, dass man alleine ist. So kann ein langer Arbeitstag schon mal hingehen, ohne dass man auch nur vor die Wohnungstür tritt.

Das führt wiederum zu Bewegungsmangel, der bei mir zusätzlich dadurch gefördert wird, dass ein Ersatzteil für mein Radio seit Weihnachten nicht an Land kommt und ich alle Nachrichten über meinen Laptop lese und schaue, wobei ich genauso still sitze wie beim Zeitunglesen, nämlich sogar sehr viel unbewegter als beim Fernsehen. Mein Fernseher ist aber auch kaputt. Er wurde durch einen Tierversuch zerstört. Tierheimkatze Melanie ist die geborene Forscherin. Leider legt sie für ihre Forschungsvorhaben keinen besonderen Anzug an, sondern ist stets im von der Natur mitgelieferten Outfit unterwegs, und zwar raketenschnell. Bei einem Beschleunigungsexperiment im Orbit des Wohnzimmers hat der Fernseher die Nutzung als Homebase nicht überstanden. Er stürzte ab. Jetzt weiß ich, dass LCD für liquid crystal display steht. Da läuft doch tatsächlich was aus. Mit einem Röhrengerät wäre das nicht passiert. Die neumodischen Dinger sind einfach zu leicht und zu dünn.

Ich kaufe erst mal keinen neuen Fernseher. Erstens möchte ich keine Pakete mehr annehmen müssen und zweitens nehme ich hin, auch mal Objekt der Tierforschung zu sein. Es könnte ja sein, dass die Zerstörung des Fernsehers Teil eines Leseförderungsexperimentes ist. Das sollte ich zumindest so sehen. Ich muss nämlich bis nächste Woche noch 140 Stipendienanträge à jeweils 10 Seiten lesen. Wenn sicherlich auch nicht alle Texte lesenswert sein werden, kann ich das Durcharbeiten einer solchen Menge frischer Texte immerhin als Feldforschung betrachten. Perseverance heißt übrigens Ausdauer.

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