14.6.2021

Folge 3: Den Opfern eine Stimme geben? Laura Beck – Vortrag und Diskussion

„ein bisschen Flüchtlingstheater“? Zur Reflexion von Opfer- und Mitleidsdiskursen in Milo Raus „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“

Die Ambivalenz des Konzepts ,Mitleid‘ findet sich bereits im Titel von Milo Raus 2016 uraufgeführtem Stück Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs: Die Nebeneinandernennung von Mitleid und Maschinengewehr suggeriert auf den ersten Blick eine direkte Nachbarschaft von ,compassio‘ und Gewalt bzw. vielleicht sogar Täterschaft. Raus Stück erzählt die Geschichte einer Weißen ,Entwicklungshelferin‘ und einer Schwarzen Überlebenden und Zeugin des Genozids in Burundi und reflektiert dabei über das Mitleiden als potentiell aneignenden Gestus, der die Verstrickung und Verantwortung europäischer Akteur*innen innerhalb globaler (neo-)kolonialer Strukturen und aktueller kriegerischer Konflikte und Fluchtbewegungen verdeckt. Dabei stellt Mitleid die Perspektive von ,Mitleidender/Mitschuldiger‘ und ,Opfer‘, personifiziert durch die beiden weiblichen Hauptfiguren, nebeneinander und stellt die Frage nach deren Verhältnis zueinander, aber auch spezifischer danach, inwiefern der Blick der Mitleidenden (und damit auch des Publikums) konstitutiv für die Wahrnehmung (aber vielleicht auch gewaltsame Festschreibung?) von Opfern als ,Opfer‘ ist. ?

Im Vortrag soll es darum gehen, die Reflexion ambivalenter Konzepte wie ,Mitleid‘ und ,Opfer‘ in Raus Stück genauer zu beleuchten und dabei auch danach zu fragen, welche Rolle es spielt, wer wann und wie spricht. Wie inszeniert das Stück die Anklage der Genozid-Überlebenden Sipérius? Wie den Diskurs der ,Entwicklungshelferin‘? Welche Rolle wird in Mitleid auf metatextueller Ebene der Kunst, spezifisch dem Theater, bei der Thematisierung und Festschreibung bestimmter Mitleidsökonomien und ,Opfer‘-Typen zugewiesen? Und inwiefern reflektiert Rau prinzipiell seine eigene Eingebundenheit in bestimmte europäisch geprägte kulturelle Systeme und die daran geknüpfte ambivalente Position zwischen Aktivismus und Aneignung in der Inszenierung der Opfer und ihrer Wortergreifung?

Dr. Laura Beck, Postdoktorandin in der Germanistik an der Universität Bremen mit einem Postdoc-Projekt zu JägerInnenfiguren in Literatur und Kultur. Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, Französischen Romanistik, Anglistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität (Mainz) und der Université de Bourgogne (Dijon); germanistische Promotion an der Universität Bremen zu Postkolonialismus und deutschsprachiger Gegenwartsliteratur (2015); anschließend Lektorin für deutsche Sprache, Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Liège (Belgien).