30.6.2021

Folge 4: Black Lives Matter Michael Götting (Berlin) – Vortrag und Diskussion

Opferrituale unserer Zeit? – Literarische und mediale Darstellungen Schwarzer Menschen in Deutschland im Kontext aktueller gesellschaftlicher Vorgänge

In seiner Studie zur Diskursgeschichte des Opfers beschreibt Burkardt Wolf Opferrituale und deren Positionierung als Indikator des “zivilisatorischen” Entwicklungsstands von Gemeinschaften und Gesellschaften seit dem Anbruch der Aufklärung . Schließlich untermauern die Resultate der wissenschaftlichen Arbeiten aus dieser Zeit die Ideologien von Versklavung und Kolonialismus.
So werden Opferrituale (eigentlich Praktiken der Gemeinschaftsbildung und -stärkung) und deren Analyse im Verlauf der Geschichte des Rassismus zu einem erheblichen Faktor bei der Entstehung von Ausschlussmechanismen, die dann schließlich Menschen afrikanischer Herkunft zu “Opfern” (Victims) machen: Sie werden Opfer von Rassismus. Sie werden als Opfer von Naturkatastrophen und Hungersnöten dargestellt. Häufig wird ihre Präsenz erst wahrgenommen, wenn sie zu Opfern geworden sind.

Können wir behaupten, dass mit den gewaltsamen Toden Schwarzer Menschen in unserer Zeit Opferrituale verbunden sind? Und wenn dem so ist, welche gesellschaftlichen Zustände bilden diese Rituale ab? Welche Ziele verfolgen sie? Vor allem aber, was verändert sich, wenn die vermeintlichen Opfer aus den Opferrollen heraustreten und gesellschaftlichen Wandel vorantreiben?
Der Vortrag von Michael Götting untersucht die Rollen Schwarzer Deutscher in einigen literarischen Werken des 21. Jahrhunderts, ihre Darstellung als Opfer (Victims) und vermeintliche Opfer, ihre Selbstrepräsentanz und -wahrnehmung, ihren Widerstand und zeigt gesellschaftliche Entwicklungsprozesse anhand der Darstellung in Literatur und Medien auf.

Michael Götting ist Autor, Journalist und Kurator und leitet die Black Diaspora Library bei Each One Teach One (EOTO) e.V. in Berlin. Er schreibt u.a. für Zeit Online, den Tagesspiegel und aktuell für Neues Deutschland. In diesem Jahr ist er Mitglied der Jury des Internationalen Literaturpreises am Haus der Kulturen der Welt. Götting studierte Neuere deutsche Literatur und Nordamerikastudien an der Freien Universität Berlin. Nach der Veröffentlichung seines Romans Contrapunctus (2015) war er Writer-in-Residence am Centre for European, Russian and Eurasian Studies der University of Toronto. Er war Mitkurator der Black Perspectives Festivals Black Lux und We are Tomorrow am Ballhaus Naunynstraße sowie der AFROLUTION Literatur- und Kulturfestivals von EOTO.
michaelgoetting.com