7.7.2021

Folge 5: Täter-Opfer-Umkehr Nike Thurn (Berlin) – Vortrag und Diskussion

„– wer war wir, Herr Verteidiger –“ Schuldabwehr und -umkehr in Uwe Tellkamps „Der Eisvogel“

Als Uwe Tellkamps Roman Der Eisvogel vor 15 Jahren erschien, wurde er durchwachsen besprochen und schnell wieder vergessen. Erst nach Tellkamps Auftritt im Dresdner Kulturpalast, der Erstunterzeichnung der „Charta 17“ und der „Erklärung 2018“ wurde er von gleich drei Literaturredakteuren einer Relektüre unterzogen. Die Zeit stellte in der Überschrift die Frage: „Hat Uwe Tellkamp in seinem Roman ‚Der Eisvogel‘ den Neuen Rechten Köder ausgelegt?“ Der erste Satz im Tagesspiegel lautete: „Als hätte sich das Beben nicht schon vor 13 Jahren angedeutet.“ Und die Welt titelte gleich überzeugter: „Das ist der Schlüssel zu Uwe Tellkamps Weltbild“. Erstaunlich wenig beachtet wurde dabei die einzige jüdische Figur, die nicht nur für den sozialen Abstieg des Protagonisten, sondern auch verschiedene, die Gesellschaft lähmende Denk- und Sprechverbote verantwortlich gemacht wird. Welche Rolle spielt sie in den zahlreichen Täter-Opfer-Inszenierungen dieses Romans, der – zusammengesetzt aus Zeugenaussagen – schon formal eine Schuldverhandlung ist?

Dr. Nike Thurn, Stabstelle Wissenschaftliches Programm im Präsidium des Deutschen Historischen Museums und Redaktionsleiterin der „Historischen Urteilskraft“. Studium der Angewandten Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg sowie der Kunstgeschichte und Medienwissenschaften an der Nationalen und Kapodistrischen Universität Athen. Promotion am Sonderforschungsbereich 600 „Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsprozessen von der Antike bis zur Gegenwart“ der Universität Trier mit der Arbeit „Falsche Juden.“ Performative Identitäten in der deutschsprachigen Literatur von Lessing bis Walser (Göttingen: Wallstein 2015). Aktuelle Publikationen zum Thema: Tribunale. Bühne und Gericht bei Peter Weiss und Milo Rau. In: Matteo Galli, Marco Castellari (Hrsg.): Peter Weiss 1916-2016. Experiment und Engagement heute. St. Ingbert: Röhrig Verlag (im Erscheinen); Entlarvende Inkongruenz und vorgeführte falsche Fährten. Lessings literarische Kritik in Die Juden (1749) und Nathan der Weise (1779). In: Hans-Joachim Hahn und Olaf Kistenmacher (Hrsg.): Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft II. Antisemitismus in Text und Bild – zwischen Kritik, Reflexion und Ambivalenz. Berlin, Boston: DeGruyter 2019, S. 29-49.