21.7.2021

Folge 6: Opferkonkurrenzen Stephan Braese (Aachen) – Vortrag und Diskussion

„Sie verlassen jetzt den weißen Sektor“ – Grete Weil in Harlem

Die Autorin Grete Weil, eine 1906 in München geborene jüdische Überlebende des Holocaust, legte 1968 einen schmalen Band mit Erzählungen vor, die auf einen Besuch in den USA und Mexiko im Jahr 1964 zurückgehen. In der Erzählung Gloria Halleluja schildert Weil den Besuch einer – autobiographisch gezeichneten – deutsch-jüdischen Touristin in Harlem. Die Stadt ist zu dem Zeitpunkt gezeichnet von den jüngsten Zusammenstößen mit den rassistischen Institutionen der USA, Erfolgen und Niederlagen der Bürgerrechtsbewegung und einer zunehmenden Militarisierung inklusive der Selbstbewaffnung afroamerikanischer Bürger. Die Ich-Erzählerin wird mit der Teilhabe jüdischer Bürger am ökonomischen Ausbeutungszusammenhang zulasten der afroamerikanischen Bevölkerung konfrontiert. Gleichzeitig erlebt sie einen anti-weißen Rassismus, den sie als fatales déjà-vu empfindet. Durch diese Erfahrungen reißt das Dilemma einer Opferkonkurrenz auf, auf das weder die Erzählerin noch die Erzählung eine Antwort zu wissen scheinen.Weils Erzählung gemahnt daran, dass das Verhältnis von Juden insbesondere zur radikalisierten Bürgerrechtsbewegung in mancher Hinsicht komplizierter war, als sich insbesondere jüngere deutsche Antiautoritäre gedacht hatten. Dieses ‚Missverständnis‘ gründete im Versäumnis einer Auseinandersetzung mit der Gegenwart der NS-Vergangenheit – ein Versäumnis, das ab 1968 erst allmählich bewusster wurde. Der Vortrag wählt eine historische und sozialpsychologische Konstellation, in der das Thema der „Opfer-Konkurrenz“ (Call) in für den Zeitpunkt des Erscheinens ungewöhnlicher Verdichtung auftritt. Zugleich stellt sich die Frage, ob und in welcher Weise die unverändert primäre Erfahrung von Rassismus in neuerer Zeit auf deutschem Boden – der NS-Vernichtungs-Antisemitismus – mit dem Rassismus, der weite Teile der Welt im Frühjahr 2020 bewegt hat, ‚vermittelt‘ werden kann.  Stephan Braese ist Ludwig Strauß-Professor für Europäisch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte an der RWTH Aachen. Fellowships am Franz Rosenzweig Center for German-Jewish Literary and Cultural History an der Hebrew University of Jerusalem (1995-97), dem Institute for German Cultural Studies der Cornell University (2003) und dem Center for Advanced Judaic Studies, UPenn/ Philadelphia (2004). Gast- und Vertretungsprofessuren an den Universitäten Bremen, Lüneburg, Frankfurt am Main, Berlin (TUB) und Paris (ENS).