Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Editorial August | September | Oktober 2023

Schöne Erinnerungen

„Schreib doch was über Tiere“, sagt Eva. Aber ich bin nicht sicher, ob ich noch Tierverbot vom Grafiker habe. Es ist schön, dass Eva sich Gedanken macht und Vorschläge, und eigentlich würde ich wirklich gerne mal wieder was von Tieren schreiben.

„Schreib doch, wie es ist, Katze einer Literaturhausleiterin zu sein.“ „Langweilig natürlich“, sage ich. „Die meiste Zeit bin ich ja außer Haus bei der Arbeit. Und deswegen geschieht es mir recht, dass auch ich, so wie Henning Mankell, den Kampf mit den Katzen um die Polstermöbel immer verliere“. Das einzige, was von Vorteil ist, wenn man Katze der Literaturhausleiterin ist: Das Zerstören des Fernsehers hatte keinerlei Konsequenzen. Das Tierheim hatte angenommen, ich würde die Katze nun zurückgeben, aber das kommt natürlich nicht infrage. Im Gegenteil: Erst habe ich überlegt, ob ich das Wohnzimmer ganz leerräumen könnte, damit der alte kleine Ohrensessel, der eine wirklich in jeder Hinsicht vollkommene Umgestaltung durch die Katzen erfahren hatte, als Installation durchgehen könnte. Aber dann habe ich ihn neu beziehen lassen. Man lebt ja immer irgendwie auf Veränderung hin und meint, trotzdem am Guten festhalten zu können. Warum sollte sich das ändern? Einen neuen Fernseher habe ich auch gekauft.

Also, was schreiben? Früher in der Schule wurde nach den großen Ferien das immer gleiche Aufsatzthema verkündet: „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Dies basierte zur Hälfte auf der enormen Fantasielosigkeit der Lehrerinnen und zur anderen Hälfte auf ihrer völlig falschen Auffassung von Kindheit. Mich brachte das in Verlegenheit. Sollte ich schreiben, dass das Schönste an den Ferien ihre besondere Ereignislosigkeit gewesen war? Die Ruhe, einfach mal hinter einer Düne aller Aufforderung zu irgendeinem Verhalten zu entrinnen? Nur einmal war ich so unvorsichtig, tatsächlich zu schreiben, wie schön es gewesen sei, nur an der See zu sein und nicht jeden Tag in den kalten Wellen nach Atem zu ringen, da meine Mutter es in jenem Sommer aufgegeben hatte, mich zu meinem Glück zu zwingen, das in diesem Fall aus einem täglichen, abhärtenden Bad in der Nordsee bestand. Meine empörte Lehrerin ließ die ganze Klasse wissen, wie unglaublich dumm ich doch sei: An der See zu sein und nicht ins Wasser zu gehen, wäre albern und zimperlich.

Ich weiß nicht mehr, wie diese Lehrerin hieß. Ich meine aber, unsere Katze hätte sie gefressen. Dieses ungewöhnliche Tier wuchs zu einer schönen Größe heran, als es begann, mich regelmäßig in die Schule zu begleiten. Rückenhöhe so ungefähr bis zur Taille eines durchschnittlich großen, zehnjährigen Kindes. Eine gute Springerin und blitzschnelle Jägerin. Kein aggressives Tier, aber natürlich nicht völlig zu beherrschen. Daher kann es ein, dass sie auch ein paar Mitschülerinnen gefressen hat. Ich weiß es wirklich nicht mehr.

Hugo Hamilton hat einmal gesagt, dass seine inzwischen verstorbene Freundin Nuala O’Faolain leider ein sehr gutes Gedächtnis für schlechte Erinnerungen hatte. Und dass er ihr ein besseres für schöne gewünscht hätte. Das ist mit das Schönste, was ich je einen Menschen über einen anderen habe sagen hören.

Meine Erinnerung an die Schulzeit ist völlig verblasst. Aber ich erinnere mich gut an meine schöne Begleiterin an diesen besonderen Morgen, wenn sie den kurzen Weg mit mir ins Gymnasium nahm. Wie fast alle Katzen war sie wasserscheu, aber sonst nicht zimperlich.

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Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
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