Kolumne
Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!
Ganz in Ruhe
Menschen suchen den perfekten Start in den Tag, lese ich und sehe mit bewunderndem Schauer, dass manche dafür mit einem Schlusssprung aus dem Bett schnellen, um ohne Frühstück einen Teilmarathon mit anschließendem kalten Abbrausen zu absolvieren oder zumindest Gruppen-Yoga am Strand zu machen. Und zwar wo auch immer Strand ist. Allerdings wollen die Bewohner von Barcelona zum Beispiel keine weiteren Digitalnomadenmassen an ihrem Strand beim Yoga sehen, sondern lieber in Ruhe aufs Meer schauen und still einen Kaffee trinken.
Das will ich auch: Einfach nur Ruhe, überlegen, was ansteht und wie ich es am besten auf die Reihe kriege. Ein bißchen für mich hin dümpeln, Radio hören, Nachrichten lesen oder, wenn ich ganz früh wach bin, sogar erst einmal Zeit zum Bücherlesen finden, ist für mich ein perfekter Start in den Tag, weil der Morgen die ruhigste Zeit des Tages ist – vorausgesetzt, dass ich keine terminbedingte Eile habe.
Manchmal denke ich ich an solchen Morgen auch einfach nur konzentriert über etwas nach. Neulich über das Wort Daseinsvorsorge. Es war mir unverhofft in einem Text entgegengekommen. Ein Begriff, den ich nie so ganz erfasse und sehr mag, weil er die Aufgabe der Gemeinschaft für möglichst alle, gute Lebensverhältnisse zu schaffen, trotz leicht schwebender Anmutung auf den Punkt bringt. Außerdem gibt er auch philosophisch einiges her: Was ist Dasein, was heißt Vorsorge? Kann man, wenn man schon da ist noch vorsorgen? Die Daseinsvorsorge ist ein wunderbare Behauptung. Ähnlich wie die Kunstausübung, wo sich das Auratische der Kunst mit dem manchmal Ungelenken der Leibesübung verbindet, konstruiert sie Machbarkeit des Wahren, Guten und Schönen – und zwar für alle. Und plötzlich dachte ich: Daseinsvorsorge durch Kunstausübung. Quasi eine Erleuchtung! Und das am frühen Morgen!
Daran hatte vielleicht auch Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda Anteil, der in einem Artikel für die Frankfurter Hefte geschrieben hat, dass demokratische Parteien sich endlich wieder für die politische Kultur und für den ästhetischen Eigensinn der Künste interessieren sollten, weil der rechte Angriff auf die Demokratie kulturell sein. Das deckt sich leider mit meinen Erfahrungen. Das mit dem rechten Angriff auf die Kultur und leider auch das mit dem relativen Desinteresse der demokratischen Parteien.
Daher mein tief empfundener Wunsch, man möge in allen deutschen Parlamenten den Antidemokraten die Worte jenes Nobelpreisträgers zurufen, der, nachdem man ihm1937 die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn entzogen hatte, in einem offenen Brief an den Dekan schrieb: „Sie haben die unglaubliche Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln. Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volke das Letzte daran gelegen sein wird, nicht mit Ihnen verwechselt zu werden.“ Noch ist ja Thomas-Mann-Jahr!
Oder, vielleicht etwas ruhiger und scharfsinnig, mit Hannah Arendt und der Erkenntnis, dass Kultur ohne die Freiheit der Politik leblos ist, den Tag beginnen. Schön wäre folgender, umwerfender Satz aus ihren „Politik und Kultur“-Essays als Tagesmotto für jegliche Parlaments-Sitzungen: „Aber ohne die Schönheit der Kulturdinge, ohne die leuchtende Herrlichkeit, in welcher sich, politisch gesprochen, Dauer und potentielle Unvergänglichkeit der Welt manifestieren, bleibt alles Politische ohne Bestand.“
Da denken Sie mal am Morgen so ganz in aller Ruhe drüber nach. Ach ja, hier noch die heute übliche Trigger-Warnung: Das Nachdenken über Kultur kann das eigene und kritische Denken fördern und auch die Freude an der Beweglichkeit Ihrer Gedanken!
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Im Buchhandel erhältlich:
Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
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