Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Editorial November, Dezember 2026 & Januar 2027

KI und wir

Nein, wir nutzen keine künstliche Intelligenz, um unser Programmheft zu füllen. Wir vertrauen schon auf KI, aber auf Kulturelle Intelligenz. Ist nicht schneller, aber schöner! Neulich habe ich zwar angesichts eines anwachsenden Berges von Textverpflichtungen kurz überlegt, ob es jemandem auffallen würde, wenn ich mir eine – durchaus anspruchsvolle – Rede quasi vorschreiben liesse, aber da hat mich die Sprache selbst wieder vor einer Dummheit gerettet: „Vorschreiben“. Das sagt ja schon alles. Nein, danke.

Trotzdem kommen wir um die Künstliche Intelligenz nicht herum, denn die herkömmliche Buchproduktion ist längst im Wandel. Bei Übersetzungen ist es schon so weit: KI-übersetzte Texte werden überarbeitet, statt dass man sie mit erfahrener Sprachkenntnis überträgt. Wo die Poesie dabei bleibt und die Schönheit der eigenen Sprache? Lost in translation.

Bei Texten, die weder Poesie noch Schönheit haben, ist das natürlich egal. Dem Markt ist das aber leider in jedem Fall egal, denn es heißt, bei Tests hätten KI-generierte Kurzgeschichten Leser:innen besser gefallen, als die von menschlichen Autor:innen. Kann KI es also besser?

Statt einer Antwort habe ich noch ein paar Fragen: Hat den Test auch eine KI entworfen? Wer hat die Geschichten ausgesucht und welche? War es zeitgenössische Literatur? Übersetzt oder Original? Waren es meisterliche, kanonisierte Texte? Welche von experimentierfreudigen, witzigen, zeitgenössischen Schriftsteller:innen oder aus dem Bestseller-Regal? Oder gar aus einer Schreibwerkstatt engagierter Hobbykünstler:innen? KI und wir Doch selbst wenn so ein Test ausgeklügelt und wasserdicht ist und alle Proband:innen ausreichend Zeit zum Nachdenken hatten, kann es wie so oft im Leben für das Ergebnis alle möglichen Gründe geben, die es doch ein wenig relativieren. Einer ist nicht schmeichelhaft für die Autor:innen, aber es besteht die Möglichkeit, dass deren Geschichten tatsächlich nicht besonders gut waren. Die zweite zulässige Vermutung ist, dass die Lesefähigkeit etlicher Testpersonen nicht sehr ausgeprägt ist und sie grundsätzlich Mühe haben, Texte zu verstehen. Nicht so nett, das zu denken, aber nicht unrealistisch.

Doch am wahrscheinlichsten ist, was ich den Ketchup-Effekt nenne. Denn bei Lebensmittelverkostungen schneiden auch oft die Produkte am besten ab, die industriell gefertigt wurden, einfach weil man mit dem Zeug aufgewachsen ist und wenn es genau so schmeckt wie Chicken McNuggets, hat man Vertrauen. Deswegen kann man davon viel verkaufen. Denn „KI“ ist ja nichts weiter als eine Repetiermaschine, wenn auch eine gut geschulte. Sie verarbeitet so ziemlich alles, was zu haben ist – nebenbei bemerkt, jenseits aller Urheberrechte –, gibt also wieder, was schon einmal gedacht, gesagt, gezeigt und geschrieben wurde. Und je mehr es von etwas gibt, desto öfter wird sie es verwenden. Sie badet also geradezu im Mainstream.

Aber ist das denn so schlimm? Wenn es doch gefällt? Schließlich entsteht jede Kunst, egal wie einzigartig ein Werk erscheint, auch immer vor dem Hintergrund des Vorangegangenen und unter Einflüssen der Gegenwart. Und wäre es nicht herrlich, wenn wir eine unerschöpfliche Geschichtenmaschine hätten?

Für alle, die das wünschen, nun die schlechte Nachricht: Das erschöpft sich. Und mangels neuen Futters, verzehrt die KI sich selbst, schlägt nur noch Schaum und produziert Blödsinn. Sie hat damit schon begonnen. Auch für unser Haus erfindet sie Veranstaltungen, die es gar nicht gibt und so nie gab. Und je nach Medienkompetenz der Online-Nutzer:innen ist es gar nicht so leicht, sie zu überzeugen, das wir es besser wissen. So ist die schlechte Nachricht auch die gute zum Schluss: Wir brauchen weiter viel Kulturelle Intelligenz!

Im Buchhandel erhältlich:

Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
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