Kolumne
Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!
Alles gut?
Ob es ein Phänomen unserer doch wohl recht selbstbezogenen Lebensart ist oder einfach nur eine blöde Mode, ist schwer zu sagen, aber in den letzten Jahren machen zwei kleine Worte Karriere, gegen die ich eine echte Allergie entwickelt habe: gut & gerne. Ob man mir aus nichtigen Gründen ein „Gerne!“ entgegen trällert oder völlig Fremde mir mit ernstem Blick ein „Alles gut.“ zusichern: Ich leide und könnte aus der Haut fahren.
Egal ob man dankend etwas annimmt oder ein Anliegen formuliert: Es kommt unweigerlich diese Gerne- Geflöte oder - noch schlimmer - dessen horribler Zwilling. Diese ständige Beteuerung, dass Alles gut sei, dient nämlich der tückischen Demütigung des Gegenübers, weil sie ein einfaches „Entschuldigen Sie bitte“ als eine geradezu hysterischen Äußerung klassifiziert. „Nein, es ist nicht alles gut, Sie Ignorant! Wann wäre je alles gut gewesen? Und ausgerechnet jetzt?“, möchte ich schreien. Und wer in aller Welt sollte denn annehmen, dass man glaubt, etwas unfasslich Störendes zu tun, weil man sich der Höflichkeit halber für eine alltägliche Geste bedankt oder die U-Bahn verlassen möchte und dafür um Durchlass bittet?
Wenn ich nun ohne Vorwarnung den Menschen vor mir mit einem Einkaufstrolley hinterrücks über den Haufen führe und der japsend am Boden abwinkte, mir umgehend meine Fahrlässigkeit verzeihend, wäre ich geneigt ihm ein „Alles gut.“ zuzugestehen. Darunter aber nicht. Um ehrlich zu sein, föchte es mich auch nicht so sehr an, wenn die Brotverkäuferin mir mein Wechselgeld nicht wirklich gerne herausgäbe. Solange sie es mir nicht verweigert, bin ich zufrieden. Ich gönne ihr natürlich unbändige Freude an jeglichem Tun, aber muss das alle drei Minuten durch den Laden tönen?
Nein, es ist keine Kleinigkeit, Ich fühle, dass da was nicht stimmt. Ich weiß es! Diese Scharen von „Alles gut und immer gerne“-Sager:innen sind tickende Zeitbomben. Sie fühlen sich durch jede Selbstverständlichkeit dermaßen herausgefordert, dass sie ein großes Getue um ihre ach so erstaunliche Bereitschaft zur Akzeptanz machen müssen, dass auch mal ein anderer was wollen darf. Zum Beispiel Wechselgeld oder einfach mal aus der U-Bahn raus. In Wahrheit hassen sie alles und jeden. Und müssen einem mal so richtig zeigen, dass man der Trottel mit dem Trolley ist.
Leider, leider reizt dieses Getöse um Selbstverständlichkeiten meine übelsten Charakterzüge. – Also könnte es vielleicht auch an mir liegen. Zumindest ein bißchen. Womöglich entwickele ich mich zur „grumpy old women“? So eine grummelnd, genervte mit Einkaufstrolley. Aber, ich glaube das ist doch eher unwahrscheinlich, oder? Ob ich mir da Gedanken machen muss? Ach was: Alles gut.
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Im Buchhandel erhältlich:
Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
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