Kolumne
Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!
Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke....!
Der aktuellen Kulturpolitik des Bundes könnte man gut mit altbekannten Zitaten begegnen. Aber wer kann die schon noch hören! Wenn man Hamlet mal in einer nicht völlig neu erfundenen Fassung erleben kann, fühlt man sich ja ohnehin, als sei man im großelterlichen Readers Digest Sonderausgabe Zitatenschatz gelandet. Was aber kein Plädoyer für Überschreibungen und textuelle Kurzschlüsse ist! Da geht doch einiges verloren. Und das kann sehr schmerzhaft sein.
Ich war nämlich Zeugin, als Wolfram Weimer bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse ohne mit der Wimper zu zucken von Habermas aufs Haber-Verfahren kam. Inhaltlich, und ich möchte auch sagen philosophisch, ohne rechten Zusammenhang, aber als Stabreimversuch könnte man es gelten lassen. Jedenfalls hat er den Kulturkampf damals wohl doch versehentlich gegen Altlinke eröffnet. Der Staatsminister will eigentlich nur echten Extremisten das Handwerk legen, und zwar besonders den rechten, sagt er. Ja, tatsächlich und tatsächlich wohl auch durch Kulturkampf. Womöglich gar durch Förderpolitik? Sicher ist, dass er keineswegs tatenlos zusehen will, wenn man in Sachsen Weihnachten abschaffen sollte. Dann fährt er da hin und verteidigt es.
Von der Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend – jetzt nicht stutzig werden wegen des Zuständigkeits-Profils. Der Laden heißt schon lange so, sogar schon viel zu lange – hören wir hingegen, dass es eine links-liberale Förderblase gäbe, die es aufzustechen gelte. Diese selbstreferenziell vor sich hinwuselnden Aktionist:innen sollen der stillen Mitte Platz machen. Die soll sich endlich artikulieren dürfen. Hat sich nämlich bisher einfach nicht getraut. Deswegen wurde die gesamte Förderung des Programms „Demokratie leben“ ausgesetzt und neu verhandelt. Motto „erst mal streichen, dann evaluieren“. Ist das ein klitzekleines Bisschen Wahnsinn mit Methode? Sorry für Fast Hamlet! Wollte ich ja vermeiden. Ehrlich gespannt bin ich aber auf die Artikulation der stillen Mitte. Vielleicht macht der Bund jetzt einfach alles selbst. Aus der Mitte des Raums (in diesem Fall aus dem Ministerium mit dem langen Namen) hinaus in die Republik.
Ganz großgeschrieben wurde ja vor ein paar Jahren das Stichwort Laienexpertise. Wohin man auch kam, wurde es einem entgegen geschleudert und zwar diesmal eher so von Mitte-Links: Endlich sollten die Profis mal Platz machen für lebensnahe Akteur:innen. Ich hatte nach vielen Stunden unfreiwilligen Aufenthalts auf Umsteigebahnhöfen kurz die Hoffnung, ich dürfe nun auch mal für ein paar Monate die Deutsche Bahn leiten, aber da hatte ich wohl was falsch verstanden.
Regelmäßig lausche ich seit Jahren - ja tatsächlich schon Jahrzehnten - in wechselnden Runden, den Ausführungen ebenso wechselnder Politiker:innen, die Kultur mal Lebensmittel, mal Kitt der Gesellschaft und immer unerlässlich nennen: Bildung verbessern, sozialen Frieden herstellen, Minderheiten fördern, Mehrheiten finden, Brücken bauen, Schwellen senken, Weichen stellen. Vielleicht hätte ich nach so viel Erfahrungen in der Kultur doch Chancen bei der Deutschen Bahn?
Jürgen Habermas hat schon vor zehn Jahren darauf hingewiesen, dass der Fehler der etablierten Parteien darin bestünde, die Front anzuerkennen, die der Rechtspopulismus definiere. Man müsse vielmehr selbst das eigentliche Problem definieren und thematisieren. Was sagt dazu die stille Mitte? Nix? Na, dann eben Goethe: Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke…!
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Im Buchhandel erhältlich:
Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
» zuKlampen
