Kolumne
Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!
Was kostet die Kunst?
Als der ausgezeichnete Autor und kongeniale Übersetzer (Ja, wir sparen heute mal nicht mit Superlativen!) Peter Waterhouse einmal gefragt wurde, was es zum guten Übersetzen brauche, zählte er nach einigen Momenten ruhigen Überlegens einige Dinge auf, wie Kaffee aber auch gutes Licht und vielleicht auch ein paar Blumen. Auf die etwas ungeduldige Nachfrage, ob es nicht auch einer besonders gute Sprachkenntnis bedürfe, schaute er leicht verdutzt und sagte „Ja, Sprache. Sprache natürlich auch.“ Nun mag man denken, dass diese Sicht auf die eigene Arbeit idyllische Schöpfungsmystik ist, doch au contraire! Was manchem leicht versponnen scheinen mag, ist nur große Ehrlichkeit: Nämlich, dass Kunst Voraussetzungen braucht, die über die eigenen Fähigkeiten und ein Zimmer für sich allein hinausgehen. Das Vermögen, zur Sprache zu kommen, ist selbstverständliche Voraussetzung. Ohne die gäbe es das Ganze ja sowieso nicht, auch nicht den Autor und Übersetzer Waterhouse.
Als ich kürzlich Feridun Zaimoglu zu seinem Leben mit der Kunst befragen durfte, wollte ich gerne wissen, was es kostet, so viele Jahre sein Ding zu machen, und dachte an Anstrengungen und Mühen jeglicher Art. Aber der oft als Starautor (Ja, auch andernorts spart man nicht am Superlativ!) bezeichnete travelling artist, der auf 'zig Lesebühnen performt, sagte nur schlicht: „Ein leeres Bankkonto.“ Das saß. Dabei hätte ich es wissen müssen, denn auch Thomas Hürlimann erzählte mir einmal von seinem immer wieder zähen Ringen um die Finanzen. Nach einem Jahr, in dem er sogar selbst den Eindruck gewann, er müsse nur den Kopf aus der Tür stecken und schon würfe jemand einen Literaturpreis nach ihm, veranschlagte man im darauf folgenden Geschäftsjahr im Zürcher Finanzamt entsprechend hohe Steuervorauszahlungen. Im persönlichen Gespräch versuchte Hürlimann zu erklären, dass er diese Einnahmen nicht regelmäßig erbringen könne. Das Gespräch endete mit dem Rat seines Sachbearbeiters, er solle sich ein Beispiel an Martin Suter nehmen, der verkaufe sehr viel mehr Bücher als er. Hürlimanns Anmerkung, dass es ja aber diese Bücher schon gäbe von einem anderen Autor namens Suter, liess er nicht gelten.
Wer sich entschliesst, selbstständig zu sein, trägt in allen Branchen das wirtschaftliche Risiko ganz allein. Und es gibt darüber hinaus massenweise nicht selbständige Berufe, wo man für wenig Geld schwer schuften muss. Also müssen einem Künstler:innen nicht besonders leid tun. Es fragt sich nur, ob die Künstler:innen am wenigsten davon haben sollten. Denn Funny van Dannen sang schon 1996 so schön voller Hingabe: „Künstler sind nicht überflüssig, aber Bäcker sind viel wichtiger.“ Fleischer, Soldaten und Unternehmer natürlich auch. Da singe ich leise mit. Etwas lauter dann am Schluss: „ Künstler sind nicht überflüssig / Weil sie was zu sagen haben / Und uns den Alltag vergessen lassen / Ich finde, daß sie prima / In unsere Gesellschaft passen.“
dit

Im Buchhandel erhältlich:
Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
» zuKlampen
