Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Editorial Oktober 2017

Keineswegs

Es ist ja nichts Neues, dass Schulen kleine Welten für sich sind, die manchmal schwer um die eigene Achse eiern. Natürlich können viele, andere Einrichtungen auch kleine, eiernde Welten sein - jedes Café, jeder Laden, jede Firma oder Fernsehanstalt, ja, jedes Literaturhaus! (Ich übe mich gerne in etwas falscher Bescheidenheit.) Theoretisch.

Jedenfalls ging durch viele Medien, dass die Alice Salomon Hochschule ein Gedicht von Eugen Gomriger, Träger des Alice Salomon Poetik Preises, von ihrer Fassade entfernen will, weil der Asta in den Semesterferien etwas gemacht hat, was jede Lyrikerin, und natürlich auch Lyrik-Schreibende jeglichen anderen Geschlechts, eigentlich begrüßen müssen: Sie haben, wie sie selbst schreiben, die vorlesungsfreie Zeit genutzt, um sich „etwas genauer mit dem Gedicht an der Südfassade der Hochschule zu beschäftigen."

Na ja, na ja. Da sag ich mal als Frau vom Fach: Genauere Beschäftigung mit dem Gedicht kann es nicht gewesen sein. Der Asta kommt nämlich zu dem Schluss, dass es weg muss, weil es als herabwürdigend aufgefasst werden könnte. Könnte. Zwar hätte man  keineswegs etwas gegen Eugen Gomringer vorzubringen. Aber es soll weg.  – Aua. Auf allen Ebenen Aua.

Wo fange ich da an? Mer stelle uns einfach janz dumm: Beim Gedicht! Wie heisst das Gedicht? avenidas. Was steht drin im Gedicht? Das ist übersichtlich (Konkrete Poesie!) in teils mehrfacher Nennung: avenidas y flores y mujeres y un admirador. Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer. Das Gedicht ist also eine Aufzählung. Es spricht von Alleen, Blumen, Frauen sowie einem Bewunderer. Es sagt sonst weiter nichts. Es sagt nicht, was der Bewunderer bewundert. Die prächtigen Alleen? Die Frauen? Die Blumen? Oder gar etwas anderes? Der Bewunderer ist Teil der Aufzählung. Es ist allerdings möglich, dass der nur einmal genannte Bewunderer die Straßen, die Blumen oder die Frauen oder alles zusammen bewundert. Aber sicher ist es nicht.

Die studentische Vertretung erinnert das Gedicht unangenehm an sexuelle Belästigung auf der Straße. Deswegen soll es weg. Auch wenn sie sich dann nicht sicherer fühlen wie sie selbst sagen. Das Gedicht hat aber was patriachal-sexistsich-Hierarchisches an sich, meinen sie. Und die Hochschulleitung will das berücksichtigen.

Mich hat avenidas immer nur an Barcelona erinnert: Platanen, Blumen, flanierende Menschen. Wie ich auf der Parkbank sass, alles genoss und dachte: "Wie schön, dass viele Männer hier trotz Hitze geschmackvoll und vollständig angezogen sind." Total sexistisch. Aber so bin ich. Ästhetik geht mir über alles: Avenidas, y flores, y hombres, y una admiradora.
 

Ich könnte jetzt hier noch viel sagen, auch zum offensichtlichem Bedarf an noch mehr Literaturhäusern, selbst in Berlin, aber die Seite ist fast voll. Ich schlage nur lediglich vor, das Gedicht einfach zu verhängen, und zeitgemäß als Kunst, die subjektiv unangenehme Gefühle provozieren könnte, mit einer Kunst-Burka zu verhüllen. Die Hochschule hat zur Fassadenneugestaltung nämlich einen Wettbewerb ausgelobt. Leider nur intern.

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Im Buchhandel erhältlich:

Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
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