Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Editorial November / Dezember 2017

Palais-Revolution

Hannover will Kulturhauptstadt werden. Prima. Ich hege nämlich den ehrgeizigen Plan, das Palais Grote den flugunfähigen Yogis zu entreissen, um daraus etwas zu machen, was Ehemaliger Palast der Literatur heisst und wirklich beflügelt, indem wir - poetisch versteht sich – von dort in die Landeshauptstadt hinein aus allen Rohren feuern. Vom Balkon aus könnte man dem Volk Poesie predigen und drinnen würde volles Programm laufen. Das wäre doch was. Zumal das Palais eher unbelebt wirkt. Dass sich dort seit Jahren ein Birkensprössling aus dem Keller kämpft, ändert daran auch nichts. Im Gegenteil. Wenn ein Baum im Souterrain spriesst, entscheidet man besser gleich, was man will: einen Baum oder ein Haus.

Ich würde in diesem Fall also das Haus nehmen. Allerdings ist es an dem Standort ziemlich laut. Vielleicht könnte man den Schiffgraben wieder fluten? Eine sehr effektive Verkehrsberuhigung. Überhaupt könnte man als kulturelle Initiative den Fluss befreien, statt den letzten zu Tage fliessenden Abschnitt mit einer Surferwelle überzumöblieren.

Aber, dass mich keiner falsch versteht: Ich hege nicht nur Gedanken an eine Palais-Revolution und geflutete Straßen, sondern auch Bäume, drei Stück sogar. An manchen Tagen kann man mich am Straßenrand über die Baumscheiben krauchen sehen, wie ich Kraut und Gras zupfe oder stirnrunzelnd die tapferen Pflanzen im Abgasdunst zwischen den wärmestrahlenden, geparkten Autos begutachte. Meist kommt jemand vorbei und sagt, daß es toll aussieht – also nicht mein Krauchen, sondern die bepflanzte Baumscheibe. Ich wohne in einem friedlichen Stadtteil. Leider kann man aber für die Bäume nicht mehr viel tun. Nur der Amberbaum hat noch Chancen. Die europäischen Gewächse gehen alle langsam ein: zu warm und trocken die Winter, zu feucht die Sommer. Klimawandel.

Es ist also ein etwas aussichtsloser Kampf, den ich da mit Bodendeckern, Bienenweide und Gießkanne betreibe. Neulich aber bekam unsere Straße eine neue Pflasterung und wir einen Eindruck davon, wie sie ohne Autos aussähe. Wie viel Platz da war! Und die Luft erschein mir auch gleich besser. Seitdem bin ich für Gartenstreifen statt Parkstreifen. Grünflächen sind auch billiger zu unterhalten. 80% aller privaten PKW stehen auf öffentlichen Flächen, nicht mal 4 Prozent davon sind kostenpflichtig. Der Unterhalt der Parkflächen kostet Milliarden. Wie viel Kultur man von dem Geld machen könnte! Wenn man bedenkt, dass ein Auto im Schnitt 23 Stunden täglich einfach nur rumsteht, blinken mir Dollarzeichen in den Augen. Ich sehe mich schon vom Palais-Balkon winken...

Von der Behauptung, dass Kultur ein Lebensmittel sei, halte ich nichts. Kultur ist kein Gemüse. Aber Kultur ist ein Überlebensmittel. Weil sie das Leben besser macht, Menschen reflektierter und weil Kultur die Art ist, wie wir miteinander umgehen. Darum ist es gut, dass Hannover Kulturhauptstadt werden will. Aber wenn Hannover Kulturhauptstadt bleiben will, sollte es wirklich mal zurück nach weit, also ins Unermessliche streben und sich von der autogerechten Stadt in eine mobilitätsgerechte Stadt wandeln. Selbst wenn es Milliarden kostet und ich dann mein Palais nicht kriege.


dit

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Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
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