Kolumne
Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!
Wiese
Als ich klein war, dachte ich immer meine Oma und meine Tante wären verheiratet, miteinander. Meine Tante, so dachte ich, wäre „der Mann“, denn sie ging morgens früh aus dem Haus zur Arbeit, während Oma als „die Frau“ den Haushalt machte und kochte. Sie lebten in einer Zweizimmerwohnung in der aufgeräumten Südstadt. Jeder von ihnen gehörte ein Zimmer, das aber viele Funktionen hatte: Wohn-Ess-Schlaf-Gäste-Werk-Lese-Nudelteigtrocknungs-Fernseh-Hefeteigruhe-Handarbeitszimmer. Ich war dort gerne zu Besuch. Mittags, wenn Oma und ich ein Brot gegessen hatten, schlief sie für ein Weilchen auf der Chaise, die nachts ihr Bett war. Ich saß derweil auf dem Wohnzimmerteppich, lauschte ihren Atemzügen und spielte Wiese. Auch wenn ich kein lautes Kind war, war Wiese trotzdem das mit Abstand leiseste Spiel, das ich je erdacht habe. Allerdings konnte man es ausschliesslich alleine und auf Omas Wohnzimmerteppich spielen. Der Teppich war hübsch in zarten Grün-Ockertönen gemustert und äußerst wiesig für einen Teppich. Das Spiel selbst war sehr innerlich. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass es eigentlich keine weiteren Elemente hatte, als auf dem Teppich zu sitzen. Manchmal arrangierte ich dabei geduldig ein paar am ehesten als Spolien zu beschreibende Teile eines Reifen-Holzbauernhofs: drei Zaunstücke, ein Männchen, zwei Schafe und eine Krähe. Letztere überdimensioniert und offenbar aus einem größeren Reifen geschnitten, daher etwas bedrohlich auf dem wackeligen Zaunpfosten hockend.
Nachmittags gab es einiges im Haushalt zu tun und Oma kochte. Ab vier Uhr observierte ich dann vom Küchenfenster aus die Straßenecke, um die meine Tante kommen würde und um fünf gab es warmes Essen. Meine Tante erzählte vom Dienst und übernahm vielleicht noch eine Hausarbeit, die Oma zu schwer fiel, wie Gardinenaufhängen, oder sie schraubte beherzt den Toaster auf, um zu sehen, ob es einen Wackelkontakt gab, den sie wieder befestigte oder um festzustellen, dass es einer größeren Reparatur bedurfte. In solchen Fällen nahm sie das Gerät dann mit, für „unsere Herren von der Technik“, um deren Meinung oder Hilfe einzuholen. Jene „Herren von der Technik“ waren Fernmeldeingenieure und passionierte Tüftler vor dem Herrn und mir ein Rätsel, wie eine fremde, kühle Spezies, da ich annahm, dass sie kein Zuhause hätten, sondern immer im weißen Kittel im Fernmeldeamt umherschwebten. Vielleicht hat mich das „Herrn“ auch verwirrt, weil Gott, der Herr, jeden Abend die schönsten Schäfchen zählte.
Seltsamkeiten der Erwachsenenwelt kümmerten mich aber wenig, denn die war sowieso eine ganz andere als unsere Kinderwelt. Wir Kinder machten viel mit uns selbst und untereinander ab und wussten genau, was man besser nicht preisgab.
Meiner Tante habe ich erst Jahrzehnte später erzählt, dass ich glaubte, sie sei mit Oma verheiratet gewesen. Sie dachte ein wenig nach und sagte: „Irgendwie waren wir das auch.“ Erst da fiel mir auf, dass es in meiner ganzen Familie sonst überhaupt kein Paar gegeben hatte, das diese angeblich so klassische Geschlechteraufgabenteilung in Reinkultur lebte. Nur Oma und Tante Christa. Anscheinend glaubte ich gerade deswegen, dass sie verheiratet wären. Sie waren für mich einfach die ungewöhnliche Besetzung einer Standardformation, die allgegenwärtig war, ohne wahr zu sein. Ich wusste zwar von der Existenz verschiedener Geschlechter, aber maß dem keine Bedeutung bei. Wie klug wir doch als Kinder sind!
dit

Im Buchhandel erhältlich:
Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
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