Kolumne
Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!
Porque te vas?
Es gibt ja diese Momente, wo man sich ein wenig „trans“ fühlt, wie es Peter Rühmkorf einmal so treffend wie salopp ausdrückte. Ich bin aber nicht sicher, ob die Sache wirklich „trans“ war, vielleicht nur merkwürdig, denn sie hat sich am hellen Vormittag am nicht eben für Übersinnlichkeit berühmten, dafür stets zugigen Raschplatz ereignet: Vier Fahrspuren, darüber wölbt sich schmutzig-grau gedrungen der Bogen der Hochstraße, gleich hinter Hannovers Bahnhof. Früher eine höchst anrüchige Gegend, heute einfach nur leer. Der Platz ist kein Platz mehr sondern eine Schneise und könnte Pate für Jörg Müllers Bildermappe: „Alle Jahre wieder, saust der Presslufthammer nieder“ gestanden haben.
Immerhin: Als Fußgänger kommt man dank Ampelschaltungen langsam aber sicher über die ganz Breite der Berliner Allee, die dort unversehens zur Hamburger wird und muss nicht in den Untergrund, der Passerelle, in der die irre Idee, dass Fußgänger unter die Erde gehören, Gestalt angenommen hat. Was kann da „trans“ sein, außer dass eine Straße generell von da nach dort führt? Und zurück natürlich.
Ich stand alleine an besagter Ampel, im Rücken die Alte Celler Heerstraße - die nur ich noch so nenne, weil mir Lister Meile noch weniger gefällt -, und spürte jemanden in meiner Nähe. Ein durchdringendes Forschen von rechts. Ich schaute mich um, irritiert, weil niemand in der Nähe war. Der Verkehr rauschte von links an mir vorüber, die Ampelphase zog sich hin. Nun bin ich immer bereit, jeglicher Wahrnehmung zu misstrauen, zuallererst meiner eigenen. Da sah ich sie. Direkt neben mir, höchstens einen Meter entfernt, klein, schwarz, aufmerksam: eine Krähe. Sie stand auch an der Ampel. Anders kann man es nicht sagen. Schaute an mir hoch, dann wieder zur Verkehrsinsel unter der Hochstraße, musterte mich irgendwie kumpelhaft; ja, erwartungsfroh. Können Krähen überhaupt erwartungsfroh gucken? Die Ampel sprang auf Grün. Ich machte den Schritt vom Bordstein auf die Fahrbahn, die Krähe dackelte auch los. Stakte in leicht schwankendem Krähengang zügig neben mit her. Auf der Fahrbahn lag eine Kastanie, zerquetscht von den Autoreifen. Die holte sie sich und flog davon.
Nun ist hinlänglich bekannt, dass Krähen sehr einfallsreich sind. Sie lassen Früchte, die geknackt werden müssen auf eine viel befahrene Straße fallen, um die Autos den Job machen zu lassen und holen sich dann den Kern. Sie weichen erbeutetes trockenes Brot in verstopften Dachrinnen ein und verstehen auch was vom Werkzeuggebrauch. Aber woher wusste die Krähe, dass ich zuverlässig bin? Dass sie auch losgehen könnte, wenn ich mich bewege? Und warum ist sie neben mir hergelaufen und nicht gleich zu ihrer Kastanie gehüpft oder geflattert? Die Antwort brauche ich gar nicht auszuführen. Ich schlucke nur leicht bei soviel praktischem Eigensinn. Die Vorteile liegen klar auf der Hand, in diesem Fall auf der Kralle. Seitdem grüße ich alle Krähen, die sich vor meine Füsse wagen. Denn vielleicht kennen wir uns. Besser höflich bleiben.
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Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
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