Kolumne
Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!
Frühe Ikone
Katalog meiner Sentimentalitäten 27
Ich weiß nicht, warum ich an manchen Dingen so hänge. Das ist bestimmt ganz schlecht. Doch wenn ich zurückdenke, war das bei mir als Kind sogar noch schlimmer. Nur besaß ich da nicht so viel. Zum Glück! Denn ich beseelte viele Sachen, vor allem alles, was irgendwie wesenhaft hieß oder aussah.
Das machte mir das Leben allerdings nicht leichter. Oder haben Sie schon einmal versucht, Weidenkätzchen ein Zuhause zu schaffen? So war mein Alltag von einigen skurrilen Ritualen durchzogen und es gab Grenzen, die außer mir keiner kannte und die es doch einzuhalten und zu verteidigen galt. Unsere Mutter hatte ihre liebe Not mit mir, weil ich zum Beispiel nur bereit war, mir die Haare waschen zu lassen, wenn ich den gefürchteten Seifenschaum mithilfe eines Waschlappens, den ich fest auf die Augen presste, abwehren durfte. Und natürlich nicht mit irgendeinem Waschlappen, sondern nur mit einem, der allein mir gehörte und auf dem der Gestiefelte Kater abgebildet war. Allerdings muss ich sagen, dass ich auch bis heute nicht verstehe, wieso der beissende Schaum überhaupt in Richtung Augen laufen musste. Es gab noch den Badeofen, also keine stets verfügbare Dusche und die Haare spülte man bei uns mit angewärmten Wasser aus einem alten Milchtopf. Man könnte meinen, ich sei in der grauen Vorzeit Kind gewesen, aber das war noch bis Anfang der 70er Jahre Standard. Ich meine den Badeofen. Na ja, irgendwie ist das inzwischen auch die graue Vorzeit...
Jedenfalls glaubte ich als Kind fest an die Kraft der Bilder und der Gestiefelte Kater schaffte es zwar auch nicht, den Seifenschaum ganz abzuwehren, aber man musste man ihm sein Versagen verzeihen, denn auf dem Waschlappen sah der Kater eher harmlos aus, wie ein zahmer Nachtwächter. Ich hätte ihm nichts zugetraut, wäre er nicht - zu meiner größten Freude - auch in meinen Grimms Märchen abgebildet gewesen. Streng genommen gehörte der Kater da gar nicht rein, weil es ein Kunstmärchen von Perrault ist, aber er stiefelt bis heute durch die meisten Märchensammlungen auf denen Grimm steht. Und ich muss sagen, dass er mich von Beginn an sehr beeindruckt hat. Man sieht ihn aufrecht, breitbeinig stehen, mit Federhut und Stulpenstiefeln, wie er den Leuten auf dem Feld mit krallenbewehrter Pfote droht und sie anfaucht. Das gefiel mir ungeheuer.
Ich wollte gerne auch so sein. Der Kater, der - solange es keine Notwendigkeit gegeben hatte, sich irgendwie anzustrengen - recht unauffällig war, verwandelt sich lässig in eine respektheischende, einmalige Person. Keine Samtpfote, kein Schleifchen sondern pure Katerpotenz. Dazu noch schlau und pragmatisch. Was konnte es besseres geben?
Ich habe diese Katerfähigkeiten allerdings bis heute nicht erreicht und auch noch keinen bösen Zauberer gefressen, höchstens ein paar Schaumschläger übertrumpft, und doch wirft man mir immer wieder mal Dominanz vor. Das allerdings mag daran liegen, dass es der Gestiefelte Kater heisst und nicht die Gestiefelte Katze. Ab und zu betrachte ich noch das Bild im Märchenbuch, „denn nur ein gemeiner Emporkömmling verleugnet die Freuden seiner Jugend.“, wie es bei Perrault vom Kater heißt. Neben mir eine ererbte Kaffeetasse, denn, so geht das Märchen weiter: „Kleines Erbe hat oft schon mehr genützt als großes, ... und Behalten ist bekanntermaßen noch schwerer als Erwerben.“
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Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
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