Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Editorial November / Dezember 2018 / Januar 2019

Schwer fassliche Fledermauseinheiten

Die Seele reist mit 60 Stundenkilometern sagte mir eine Freundin immer. Das wüssten die Buddhisten. Nun weiß ich nicht, woher die Buddhisten das wissen, doch wieso mit 60 km/h und nicht 5 oder nur 70 cm die Stunde? Und warum nicht eine ganz andere Maßeinheit? Und Wiedergeburt sei nach 48 Stunden, also nach zwei Tagen und Nächten. Und das, wo doch, wenn überhaupt, nach drei Tagen wiederauferstanden wird!

Davon abgesehen, dass diese Behauptungen ganz un-buddhistisch sein könnten, gibt es immerhin die Theorie, dass Jesus längere Zeit in Indien gewesen sei, dort allerhand von Buddha gelernt hätte, und nach seiner Nahtod-Erfahrung erleuchtet wieder dorthin ging. Das würde immerhin erklären, warum der Buddhismus manchmal wie verfeinertes Christentum wirkt, nur philosophischer und ohne Gott natürlich.

Doch egal wer was zu wissen meint: Schon oft habe ich mich gewundert, dass es immer wieder so exakte Angaben zu transzendenten Prozessen gibt. Warum rechnet sich das nach der üblichen, modernen Zeiteinteilung und nicht zum Beispiel nach Fledermauseinheiten. Fledermäuse sind die transzendentesten Wesen, die mir einfallen. Und das geht nicht mir allein so, sondern auch die alten Chinesen hatten das erkannt. Als mein Tante starb, hatte ich einen wundersamen Traum voller zutraulicher Fledermäuse und silbrigem Mondlicht. Aber das lag vielleicht am Chinesen in mir. (Davon abgesehen besaß meine Tante einen chinesischen Teppich mit einer Bordüre aus stilisierten Fledermäusen!)

Die wesentlich interessantere, schwer fassliche Fledermauseinheit hat sich jedenfalls bisher nirgends durchgesetzt und so reist die Seele nun also mit maximal 60 km/h. Das wiederum würde erklären, warum Autofahrten, Schnellzüge und Flugreisen vorübergehend Zombies aus uns machen.

Unsere Seele gleicht also nicht der Fledermaus sondern ist eine lahme Ente. Die Ente muss nämlich, weil sie eher fürs Watscheln als fürs Fliegen gebaut ist ordentlich rudern, damit sie nicht vom Himmel plumpst und fliegt extra schnell, und zwar mit 60 km/h! Das erklärt vielleicht, warum Reisen so erschöpft, selbst wenn man dabei stundenlang nur stillsitzt. Die Ente in uns ist einfach müde.

dit

Im Buchhandel erhältlich:

Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
» zuKlampen