Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es ein Editorial der Literaturhausleiterin Kathrin Dittmer. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Editorial April / Mai / Juni 2020

Sprachlabor

Neulich ging ich an meiner alten Schule vorbei. Beim Anblick der Milchglasscheiben im Erdgeschoss fiel mir ein, dass es dort eine Weile ein Sprachlabor gegeben hatte, was damals als der letzte Schrei galt, pädagogisch. In besagtem Labor wurden aber nicht experimentiert oder geforscht. Sehr schade, denn das Züchten oder Erforschen von Wörtern, hätte mich schon als Kind fasziniert. Nein, man saß an langen Tischen, mit Trennwänden zur Nachbarin, hatte Kopfhörer auf den Ohren und musste einer Stimme vom Band englische Sätze nachsprechen. Ein merkwürdig nicht nur schallisoliertes Üben, bei dem ich mich fühlte, wie ein mittelmäßig sprachbegabter Beo. Der Gipfel war aber, dass man jederzeit von der Englischlehrerin abgehört werden konnte, ohne zu ahnen ob und wann. So murmelte ich gehemmt vor mich hin und erschrak, wenn sie mir unvermittelt ins Ohr nörgelte „Tiätsch, tiätsch!“, wobei, das darf ich nun meinerseits nörgeln, die Englischkenntnisse bei den einschlägigen Fachlehrer*innen auch sehr unterschiedlich waren, um es mal vornehm auszudrücken, und sich auch die Korrektur irgendwie peinlich ausnahm. An mich war all der technische Aufwand verschwendet. Zum Glück war dieses Sprachtraining bald ausgestanden.  Wahrscheinlich war irgendetwas kaputt, dessen Reparatur die Schulverwaltung überforderte. Schließlich warte ich auch dieser Tage schon seit einem Dreivierteljahr auf eine neue, städtische Leuchte im Büroflur. Wir tappen deswegen aber nicht völlig im Dunkeln und ein Dreivierteljahr ist quasi nichts im Anblick der kleinen Ewigkeit, die der Künstlerhauskeller diverser nicht möglicher Nutzungen harrt.

Aber ich schweife ab! Eigentlich wollte ich sagen, dass das Sprachlabor wahrscheinlich nur eine Mode war, die sich schnell erledigt hatte. Davon gibt es ja in Bildung und Kultur mehr als genug. Neuerdings höre ich dauernd „Laien-Expertise“. Damit soll, so viel habe ich verstanden, die Mode der Partizipation ihren Höhepunkt finden. „Wusstest Du das nicht?“, sagt meine Kollegin, „Laien-Expertise ist jetzt der letzte, heiße Scheiß.“ „Wie?,“ fragte ich, „darf ich jetzt auch Gazprom beraten?“ „Nein, aber eine Ausstellung kuratieren“, war die Antwort. Ach Gott, das würde mich aber ziemlich überfordern und soll ich dann auch die Personal- und Finanzplanung übernehmen inklusive Transportversicherung und was da alles noch so dranhängt?

Ich dachte immer, Kultur sei partizipativ, wenn sie öffentlich zugänglich sei. Aber nun reicht es nicht, dass beispielsweise ein Museum sechs Tage in der Woche von 11 bis 20 Uhr geöffnet hat und an einigen Tagen sogar freien Eintritt bietet. Nein, wir Besucher sollen eingebunden werden und uns in allem wiederfinden. Na, am besten, man bringt gleich den Selfie-Stick mit.

dit

Im Buchhandel erhältlich:

Hasenrein eingemiezelt
Kolumnen von Kathrin Dittmer.
Für alle, die wissen wollen, warum das Gehirn die eigentliche Problemzone ist, was Weltanschauungen und Küchenmaschinen gemeinsam haben und ob Molly der Hund tatsächlich Flöte spielen konnte.
» zuKlampen